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/ 19.06.2013
Klaus Kempter

Eugen Loderer und die IG Metall. Biografie eines Gewerkschafters

Filderstadt: Verlagsgesellschaft W. E. Weinmann mbH 2003; 615 S.; Ln., 38,- €; ISBN 3-921262-30-5
Gewerkschaftsforschung und biografische Methode ‑ das scheint nicht zusammenzupassen. Zu sehr scheinen die handelnden Akteure hinter ihren Organisationen zu verschwinden, zumal es zum traditionellen Selbstverständnis von Gewerkschaftsführern gehört, lediglich Sachwalter der Interessen abhängig Beschäftigter zu sein, ohne als Persönlichkeiten das Scheinwerferlicht zu suchen. Insofern ist es wohl kein Zufall, dass Gewerkschaften in der gegenwärtigen Politikforschung vor allem auf Aggregatdatenniveau behandelt werden ‑ etwa als Variablen in Korporatismus‑ oder Pluralismustheorien. Dass sich aber vermittels eines biografischen Zugangs nicht nur über die jeweilige Person, sondern auch über die Rolle der Gewerkschaften im politischen System viel lernen lässt, zeigt Kempter mit seiner Arbeit über den langjährigen IG Metall‑Vorsitzenden Loderer. Der Lebens‑ und Karriereweg von Loderer stellt dabei den Rahmen einer lesenswerten Darstellung einer wichtigen Epoche der Gewerkschaftsgeschichte dar. Nachdem Loderer zunächst in Baden‑Württemberg wirkte, war er von 1972 bis 1983 Vorsitzender der damals größten deutschen Einzelgewerkschaft. Damit führte er die Organisation in einer „fast schon im Grau der Geschichte versunkenen Epoche, in der die Gewerkschaften als mächtige, in polemischer Überspitzung des Öfteren als übermächtige Organisationen angesehen wurden" (9). Die flüssig geschriebene Studie zeigt dabei deutlich, wie der Wandel von der Reformeuphorie der Kanzlerschaft Brandt zum Pragmatismus der Regierung Schmidt/Genscher einerseits, wie das Erkennen der „Grenzen des Wachstums" nach dem ersten Ölpreisschock 1973/74 andererseits das politisch‑gesellschaftliche Handlungsfeld der Gewerkschaften nachhaltig veränderten. Neben interessanten Einblicken in das innere Gefüge der IG Metall bietet das Buch ein anschauliches Bild gewerkschaftlicher Politik am Wendepunkt von der Periode anhaltenden Wachstums in die Phase der wirtschaftlichen Strukturkrise.
Wilhelm Knelangen (WK)
Dr., wiss. Ass., Institut für Sozialwissenschaften (Bereich Politikwissenschaft), Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.32.331 Empfohlene Zitierweise: Wilhelm Knelangen, Rezension zu: Klaus Kempter: Eugen Loderer und die IG Metall. Filderstadt: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20578-eugen-loderer-und-die-ig-metall_24008, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 24008 Rezension drucken
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