/ 22.06.2013
Peter Steinbach
Geschichte im politischen Kampf. Wie historische Argumente die öffentliche Meinung manipulieren
Bonn: Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger 2012; 163 S.; brosch., 16,90 €; ISBN 978-3-8012-0415-0Steinbach, Neuzeithistoriker an der Universität Mannheim und wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, bietet in seinem Essay mehr beziehungsweise anderes, als der Titel zunächst vermuten lassen mag – nämlich eine knappe, aber instruktive Einführung in die geschichtspolitischen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahrzehnte in Deutschland und deren Wichtigkeit für Deutungsfragen im öffentlichen Raum. Mit historischen Argumenten ließe sich nämlich bei vergleichsweise geringem Aufwand eine große Aufmerksamkeit und emotionale Bindung erzielen. Den Fachhistorikern weist der Autor dabei prinzipiell eine Korrektivrolle gegenüber der Instrumentalisierung solcher Argumente durch Politiker – zur Machtstabilisierung und Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft – zu. Am Beispiel etwa des Historikerstreits der 1980er-Jahre oder der Debatten um die Wertung des DDR-Herrschaftssystems wird aber deutlich, dass sich Geschichtswissenschaftler allzu häufig – und auch entlang parteipolitischer Linien jedweder Couleur – als „Zuträger“ (12) und „Handlanger“ erwiesen, beschränkt durch einen „politisierte[n] Wahrnehmungsfilter“ (69). Dagegen stellt Steinbach das Plädoyer für eine Akzeptanz der Vielfältigkeit von Erinnerungen und Geschichtsdeutungen – in der Tradition von Franz Schnabels Aufforderung zur „Zerstörung“ von „vorgeprägte[n] Urteile[n] und überkommene[n] Bewertungen“ (67). Das im Untertitel aufgeführte manipulative Element wird bei alledem häufig nur implizit thematisiert und nicht analytisch konkretisiert. Auch ist die Argumentationsstruktur insgesamt wenig stringent, einige Fragestellungen werden mehrfach aufgegriffen. Die Problematik der Verkürzung komplexer politischer Fragestellungen durch historische Argumentationen wird gleichwohl überzeugend aufgezeigt. Auch der zunehmende Einfluss der Medien beim Agenda-Setting im geschichtspolitischen Bereich tritt deutlich hervor, etwa am Beispiel des Fernsehzweiteilers „Die Flucht“.
Martin Munke (MUN)
M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Hilfskraft, Institut für Europäische Studien / Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.35 | 2.333
Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Peter Steinbach: Geschichte im politischen Kampf. Bonn: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34391-geschichte-im-politischen-kampf_41298, veröffentlicht am 24.05.2012.
Buch-Nr.: 41298
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Hilfskraft, Institut für Europäische Studien / Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
CC-BY-NC-SA