/ 05.06.2013
Patrick Bahners
Im Mantel der Geschichte. Helmut Kohl oder Die Unersetzlichkeit
Berlin: Siedler Verlag 1998; 188 S.; Ln., 34,90 DM; ISBN 3-88680-658-8Das Buch von Bahners erschien noch vor der Bundestagswahl, ohne sich jedoch mit einer direkten Vorhersage über deren Ausgang zu beschäftigen. Statt dessen versucht Bahners, ausgehend von Jakob Burckhardts Annäherungen an den Begriff der historischen Größe, das spezifische Politik- und Machtverständnis von Kohl herauszuarbeiten. Ein zentrales Element ist dabei das Motiv der Unersetzlichkeit: "Die Politik ist ein Spiel, in dem jeder Teilnehmer sich anstrengt, gegen alle Wahrscheinlichkeit die eigene Unersetzlichkeit zu beweisen." (13) Nach dieser Regel habe auch Helmut Kohl seine politische Karriere durchlaufen; und in dieser Regel liege auch die Schwierigkeit des eigenen Abschieds von der Macht, denn wer sich für unersetzlich hält, der könne nicht freiwillig von der öffentlichen Bühne abtreten. Zur weiteren Annäherung an das Phänomen Kohl werden dann in feuilletonistischer Manier eine Reihe von Maßstäben an den Politiker angelegt. Unter anderem zieht Bahners Machiavelli, Caesar, Solon, Droysen, Montesquieu, Luhmann, Weber und Rousseau zu Rate. Seine Erkenntnisse über Kohl stützen sich meist auf die Auswertung von zeitgenössischen Kommentaren oder Leitartikeln sowie Zeitungsinterviews mit Kohl. Dabei geht er weitgehend chronologisch vor, betont jedoch durch Zeitsprünge die Konstanz in den Vorstellungen und Handlungen Kohls. Bahners widersteht der Versuchung, sich schwerpunktmäßig auf die Ereignisse der Jahre 1989/90 zu stützen. Der ausgedehnte Essay ist jedoch durch keinerlei Kapitel oder Abschnitte gegliedert und reiht mitunter Eindruck neben Eindruck. Bahners will gerade in dem scheinbar Oberflächlichen einiger Anekdoten und Aussprüche Kohls das Symptomatische sehen; seine Metaphern werden psychologisch gedeutet und gelegentlich sicher auch über-interpretiert. So urteilt Bahners über Kohls Klage der "Eiseskälte der Distanz" im Amte des Bundeskanzlers: "Das Bundeskanzleramt als Eispalast, das kalte Herz des Staatskörpers, ist ein Ort aus dem Märchen: Der Alleinherrscher, der alle überlebt hat, erfriert. Das Zentrum von Kohls Lebensplan war ein Todesbild." (61) Die Lust zur pointierten Formulierung gebiert jedoch auf der anderen Seite auch durchaus treffende Losungen zum Weltbild Kohls, wenn Bahners in Anlehnung an Marx formuliert: "Die Philosophen hatten die Welt nur verschieden interpretiert; es kam aber darauf an, sie anders zu fühlen." (76) Wesentlich für Kohl sieht Bahners in Übereinstimmung mit den Autoren jüngerer Biographien die Aufhebung der Trennung zwischen Privat und Politisch. Dadurch werde zwar zunächst auch das Private politisiert - letztlich komme es aber zu einer Entpolitisierung des Politischen.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.3 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Patrick Bahners: Im Mantel der Geschichte. Berlin: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6791-im-mantel-der-geschichte_9132, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 9132
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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