/ 21.06.2013
Ferdinand Sutterlüty
In Sippenhaft. Negative Klassifikationen in ethnischen Konflikten
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2009 (Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie 14); 295 S.; 24,90 €; ISBN 978-3-593-39050-5Habilitationsschrift Fakultät für Sozialwissenschaften Wien. – Bourdieus erkannte, dass die symbolische Ordnung von Gesellschaft immer Ausdruck von Klassifikationskämpfen zwischen sozialen Gruppen ist, in denen es für Zwecke der Statuskonkurrenz um die Verteilung positiver oder negativer Kategorisierungen von Eigenschaften, Leistungen oder Positionen geht. Diese Einsicht ist in der Soziologie breit rezipiert worden. Allerdings standen bisher überwiegend institutionelle oder politische Klassifikationsvorgänge im Zentrum einschlägiger Untersuchungen – Sutterlüty konzentriert sich auf Klassifikationskämpfe zwischen einheimischen und türkischstämmigen Bevölkerungsgruppen in sozial benachteiligten Stadtteilen. Beziehen sich wechselseitige Abgrenzungen dabei – so lauten seine Leitfragen – eher auf Merkmale vertikaler (Beruf, Einkommen, Bildung) oder eher auf solche horizontaler Ungleichheit (Generation, Geschlecht, Ethnizität) und welche Auswirkungen haben derartige negative Klassifikationen auf die Integrationschancen der Beteiligten? Die Studie beruht auf einer ethnografischen Untersuchung, die der Autor – zusammen mit Sighard Neckel und Ina Walter – im Rahmen des von Wilhelm Heitmeyer geleiteten Forschungsverbundes „Gesellschaftliche Desintegrationsprozesse – Stärkung von Integrationspotentialen moderner Gesellschaften“ 2002 bis 2005 am Institut für Sozialforschung durchgeführt hat. Die Feldarbeit fand in ehemaligen Arbeiterquartieren zweier westdeutscher Großstädte statt, die nach Lage wie sozialstrukturell unterschiedliche Modi der Sozialintegration repräsentieren. Als einen wesentlichen Befund der an den methodischen Grundsätzen der Grounded Theory ausgerichteten Fallstudien hebt Sutterlüty eine paradoxe Konstellation hervor. Obschon in den untersuchten Gebieten kaum rassistische Vorurteile anzutreffen waren, sind vor allem jene türkischen Zuwanderer von negativen Klassifikationen seitens der einheimischen Bewohner betroffen, die sich ökonomisch erfolgreich integriert haben. In diesen Abgrenzungen scheint sich – übrigens auf beiden Seiten – ein Mechanismus durchzusetzen, „demzufolge der Eigengruppe die vorrangige Solidarität zu gelten hat“ (264).
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.35
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Ferdinand Sutterlüty: In Sippenhaft. Frankfurt a. M./New York: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31424-in-sippenhaft_37407, veröffentlicht am 07.09.2010.
Buch-Nr.: 37407
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
CC-BY-NC-SA