/ 14.07.2016
Rolf Rietzler
Mensch, Adolf. Das Hitler-Bild der Deutschen seit 1945. Ansichten eines Zeitgenossen
München: C. Bertelsmann 2016; 544 S.; geb., 24,99 €; ISBN 978-3-570-10288-6Anders als der Titel des 2013 erschienenen und inzwischen verfilmten Satireromans „Er ist wieder da“ von Timur Vermes über Adolf Hitler suggeriert, behauptet der promovierte Historiker und langjährige Spiegelredakteur Rolf Rietzler: „Tatsächlich war er nie weg. In letzter Zeit hat er wieder zugenommen.“ Rietzler hat das Hitler‑Bild der Deutschen seit 1945 und dessen mediale Präsenz näher untersucht. Auch über 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs sei Hitler noch „Teil unseres gesellschaftlichen und politischen Lebens“ (16) – er habe sich sogar zu einem Markenzeichen entwickelt, das in den Medien seit Ende des Krieges omnipräsent gewesen sei. In journalistischem Stil zeigt Rietzler anhand von Beispielen, dass Hitler in Magazinen, Illustrierten, Zeitungen, Büchern und TV‑Sendungen ständig im Fokus stand und bis heute steht. Dabei habe sich nur das Bild, das diese Medien von Hitler zeigen, über die Zeit verändert: In den Jahren nach dem Krieg bis zum Ende der 1950er‑Jahre wurde Hitler als Dämon und Sündenbock dargestellt. Er hatte demnach dämonische Kräfte, denen sich die Deutschen nicht widersetzen konnten. Von den 1960er‑Jahren bis zu Beginn der 1970er‑Jahre wurde Hitler dann zum Phantom und Hampelmann, dabei mystifiziert und im Sinne der ideologischen Vorstellungen umgedeutet. Auch in den 1970er‑Jahren riss das Interesse an seiner Person nicht ab – im Gegenteil, laut Rietzler gab es eine regelrechte Hitler‑Welle. Nun widmete man sich stärker seiner Persönlichkeit und es zeigte sich, dass er nach wie vor Faszination auslöste. Bis zur Wiedervereinigung wurde Hitler immer wieder zum Mittelpunkt bei diversen Gedenkveranstaltungen. Und nach 1989 war er dann präsenter denn je, wurde laut Rietzler zur TV‑Marke und Reizfigur. „Bei jeder Gelegenheit wurde er herbeizitiert, als Schreckgespenst, als Vergleichsfigur, als Menetekel an der Wand.“ (249) Der Autor bettet die mediale Präsenz und das Bild von Hitler in den Kontext des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Erbe des NS‑Regimes ein. Seiner Ansicht nach ist dabei zu erkennen, dass die Deutschen über die Jahre hinweg immer wieder versucht haben, die Kollektivschuldthese von sich zu weisen, sich als Opfer von Hitler darzustellen und vor allem ihm die alleinige Schuld zu geben. In diesem Kontext geht Rietzler auch der Darstellung von NS‑Generälen in den Medien nach und setzt sich schließlich mit dem Narrativ der deutschen Kriegsmüdigkeit auseinander.
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Rubrizierung: 2.35 Empfohlene Zitierweise: Jessica Burmester, Rezension zu: Rolf Rietzler: Mensch, Adolf. München: 2016, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/39819-mensch-adolf_25760, veröffentlicht am 14.07.2016. Buch-Nr.: 25760 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenCC-BY-NC-SA