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/ 04.06.2013
Peter M. Wagner

NPD-Hochburgen in Baden-Württemberg. Erklärungsfaktoren für die Wahlerfolge einer rechtsextremistischen Partei in ländlichen Regionen 1972-1994

Berlin: Duncker & Humblot 1997 (Ordo Politicus 32); 284 S.; 98,- DM; ISBN 3-428-08964-2
Politikwiss. Diss. Freiburg; Erstgutachter: D. Oberndörfer. - Wagner verfolgt die Frage, "wie und warum sich die NPD trotz ihres seit Anfang der 70er Jahre begonnenen Abstiegs in einzelnen Städten als politische Kraft etablieren konnte" (48). Erklärt werden soll die Etablierung der NPD in Tuttlingen, Villingen-Schwenningen und Weinheim aus Kontextfaktoren der Kommune (sozusagen die "Nachfrageseite") sowie der jeweiligen Ausprägung der Parteiorganisation und der Funktionäre (dementsprechend die "Angebotsseite"). Aufgrund der Datenbasis (Aggregatdaten) werden sozio-ökonomische Faktoren zur Erklärung des Wahlverhaltens herangezogen (35); allerdings ist aus der Argumentation nicht klar erkennbar, warum gerade diese These zu den Ursachen rechtsextremistischer Wahlerfolge vertreten wird und andere Erklärungsansätze, wie z. B. ein Zusammenhang der NPD-Wahlerfolge mit dem Ausländeranteil der Kommunen oder der Einfluß der Höhe der Wahlbeteiligung nicht berücksichtigt wurden. Der Hauptteil der Arbeit beginnt mit einer deskriptiven Darstellung der Veränderung der sozio-ökonomischen Struktur der Gemeinden über den gesamten Zeitraum, um dann einen Bezug zu den Wahlerfolgen der NPD herzustellen. Die Entwicklung der Wirtschafts- und Sozialstruktur wird also nicht auf Wahljahre heruntergebrochen und damit in einen direkten zeitlichen Zusammenhang mit den NPD-Wahlergebnissen gebracht. Und so bleiben die Ergebnisse denn auch spekulativ: So wird z. B. eine Verbindung zwischen dem Verlust von Arbeitsplätzen in der Schuh- und Lederindustrie und daraus entstandenen Statusunsicherheiten hergestellt, die möglicherweise die NPD im gesamten Untersuchungszeitraum begünstigten (vgl. insbesondere 71 f., 229). In diesem Zusammenhang wird eine grundlegende Schwierigkeit der gewählten Untersuchungsstrategie deutlich: Da nur NPD-Hochburgen in die Analyse eingehen, können Unterschiede in der Sozialstruktur nicht mit unterschiedlichen Wahlerfolgen in Zusammenhang gebracht werden. Wagner ist deshalb darauf angewiesen, Regionen als Vergleichsmaßstab der sozialstrukturellen Entwicklung einzubeziehen; dies ersetzt aber nicht angemessen den Vergleich mit Gemeinden, in denen die NPD keine elektoralen Erfolge zeitigte. Eine flächendeckende Aggregatdatenanalyse auf Gemeindeebene (die Daten werden vom Statistischen Landesamt maschinenlesbar zur Verfügung gestellt) wäre in diesem Abschnitt der Arbeit aufschlußreicher und auch machbar gewesen. Das Kapitel zum aktuellen und historischen Wahlverhalten kommt zu heterogenen Ergebnissen, und auch hier fehlt die Vergleichsbasis. Das "zentrale [...] Ergebnis der ‚historischen Tiefenbohrungen' bei der Frage nach der speziellen politischen Kultur - und hier vor allem der regionalen Zugehörigkeit - ist die Grenzlage aller Untersuchungseinheiten" (137). Gemeinsam sei, so der Autor, allen drei Gemeinden, daß die rechtsextreme Agenda durch die Begriffe Ausländer und Arbeitslosigkeit geprägt sei, während die lokale Presse uneinheitlich über die NPD berichtete. Die Untersuchung der Parteigeschichte erfolgt sehr detailliert. Daß in allen drei Gemeinden "das Auftreten der Partei eindeutig von den jeweiligen Spitzenfunktionären [...] geprägt wurde" (181), ist wohl eher eine Folge der Auswahl der Gemeinden denn Ergebnis der Analyse. Das Auftreten der NPD sei durch das Führerprinzip gekennzeichnet, und die Ergebnisse der Analyse des Auftretens der NPD-Funktionäre decken sich weitgehend mit dem oben schon angesprochenen "Reizwortkatalog". Gemessen an der Ankündigung im Verlagsprospekt ist die Arbeit enttäuschend, vor allem wenn man berücksichtigt, daß die vorliegende Dissertation im wesentlichen eine Erweiterung der Magisterarbeit des Autors (Die NPD in der Kommunalpolitik. Ursachen und Erfolge einer rechtsextremistischen Partei in Villingen-Schwenningen, Freiburg 1992) um die Untersuchungseinheiten Tuttlingen und Weinheim darstellt. Aus dem Inhalt: A. Einleitung und Fragestellung: I. Begriffsdefinitionen; II. Literatur und Forschungsstand; III. Ausarbeitung des analytischen Bezugsrahmens; IV. Präzisierung der Fragestellung und Anlage der Arbeit. B. NPD-Hochburgen in Baden-Württemberg - ein Vergleich: I. Sozio-ökonomische Entwicklung und Struktur; II. Historisches und aktuelles Wahlverhalten; III. Regionale politische Kultur und Reizwortkatalog; IV. Parteigeschichte und Struktur; V. Zum (kommunal-)politischen Auftreten der NPD; VI. Das "Führerprinzip" in der Kommunalpolitik? C. Zusammenfassung und Bewertung: I. Die baden-württembergischen Hochburgen der NPD - Parallelen und Unterschiede: II. Ausblicke für die Extremismusforschung.
Cornelia Weins (We)
M. A., Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 2.3312.372.3252.332 Empfohlene Zitierweise: Cornelia Weins, Rezension zu: Peter M. Wagner: NPD-Hochburgen in Baden-Württemberg. Berlin: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/5254-npd-hochburgen-in-baden-wuerttemberg_6911, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 6911 Rezension drucken
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