/ 21.06.2013
Franz Walter
Träume von Jamaika. Wie Politik funktioniert und was die Gesellschaft verändert
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2006 (KiWi Paperback 971); 253 S.; 8,95 €; ISBN 978-3-462-03760-9Ein Göttinger Professor für Politikwissenschaft schreibt natürlich nicht über die Karibikinsel, sondern über den Zustand der deutschen Parteienlandschaft. Träume von einer schwarz-grün-gelben Koalition spielen in seinen insgesamt sehr aufschlussreichen Analysen, die zuvor bei Spiegel-Online veröffentlicht wurden, aber nur eine untergeordnete Rolle – auch diese politische Konstellation lässt aus seiner Sicht keine zukunftsweisende Führung des Landes vermuten. Die zentrale Frage der Essays ist aber gerade, wie eine moderne Demokratie, der die alten Gewissheiten abhanden gekommen sind, gestaltet sein sollte. Die vorerst dauerhafte Zwischenlösung der politischen Führung sieht Walter in dem SPD-Vorsitzenden Kurt Beck personifiziert, dem er einen habituell konservativen Auftritt und eine ostentative Kleinbürgerlichkeit bescheinigt. Die deutsche Krankheit, also die gesellschaftliche Ziellosigkeit, sieht Walter mit Beck nicht kuriert. Die Analysen über den Niedergang der Volksparteien CDU und SPD und die Erosion der Inhalte, für die sie einst standen, verdeutlichen vielmehr, wie tief greifend der gegenwärtige politische und gesellschaftliche Wandel ist und wie schwerfällig die Parteien darauf reagieren – nach Walters Ansicht zusätzlich erschwert etwa durch das „zähe Missverständnis“ in der CDU, „dass der Sozialstaat ein sozialdemokratisches Geschöpf sei“ (232). Gerade die großen Parteien bekommen vom Autor aber nicht nur ein insgesamt schlechtes Zeugnis ausgestellt, weil es ihnen an politischen Zielen und Visionen mangelt. Oft genug scheinen die Parteipolitiker nicht einmal genau zu wissen, wer ihre potenziellen Wähler sind – ein genaueres Hinsehen könnte bei der Formulierung von politischen Inhalten jedoch hilfreich sein. Statt aber möglichst viele Menschen einzubeziehen, werde hingenommen, dass viele Arme sich von der politischen Partizipation ausschließen oder ausgeschlossen fühlen. Die Bürgergesellschaft sei nur eine Form der akademischen Mittelschichten, kritisiert Walter – eine für eine Demokratie auf Dauer zu kleine Basis.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.331
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Franz Walter: Träume von Jamaika. Köln: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/27118-traeume-von-jamaika_31666, veröffentlicht am 27.03.2008.
Buch-Nr.: 31666
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