/ 20.06.2013
Timm Niklas Pietsch
"Wer hört noch zu?" Günter Grass als politischer Redner und Essayist
Essen: Klartext 2006 (Düsseldorfer Schriften zur Literatur- und Kulturwissenschaft 2); 395 S.; brosch., 29,90 €; ISBN 978-3-89861-582-2Philosoph. Diss. Düsseldorf; Gutachter: G. Cepl-Kaufmann, P. Tepe. – Für den Schriftsteller Grass bestehe politisches Engagement nicht nur in einer moralisch-intellektuellen Haltung, sondern in der Praxis des öffentlich und privat geführten Dialogs. Seine Reden und Essays seien als Ausdruck eines bürgerschaftlichen Engagements zu verstehen, schreibt Pietsch, und stellten einen eigenständigen Bestandteil des Gesamtwerkes dar, der Aufschluss über den Wandel des intellektuellen und demokratischen Klimas gebe. Diesen Wandel analysiert Pietsch in den verschiedenen Entwicklungsphasen „vom Mitarbeiter an Brandt-Reden bis zum Rede-Essayisten“ (11). Als wesentliches Merkmal im politischen Denken sei ein fehlendes theoretisches Fundament festzustellen. Grass habe dies durch „eine flexibel-essayistische, rednerisch-rhetorische Annäherung an die gesellschaftlich-politische Gegenwart“ (49) abgefedert. Als Schlüsselerlebnisse seien der gescheiterte Aufstand 1953 in der DDR und die „Bewußtwerdung der ungeheuerlichen deutschen Verbrechen nach Kriegsende“ (67) zu nennen. Pietsch filtert aus den Verknüpfungen von literarischem Werk und politischem Engagement vor allem für die SPD (Grass nahm von 1965 bis 1987 an sämtlichen Bundestagswahlkämpfen teil) heraus, dass für sein politisches Selbstverständnis die fünfziger Jahre die entscheidende Rolle spielten – die Grass im Interview mit dem Autor als „Jahrzehnt der Verfälschung“ (353) bezeichnet. Benennen lassen sich ferner Leitbegriffe der Wahlrhetorik wie „Danzig“, „Berlin“ oder „Orwell“, auffällig ist außerdem ein Gut/Böse-Raster. Seine Argumentationsstrukturen basierten auf der „Warnung vor der Identität extremer Polaritäten zum Nachteil einer auf Ausgleich, Kompromiß, Vernunft zielenden ‚Mitte‘, die er im politischen Diskurs mit der Sozialdemokratie und dem appellativ aufgeladenen Bürger-Begriff assoziiert“ (214). Seit 1990 zeige sich die „Umformulierung des operativen Redners zum reflektierenden Zeitzeugen“ (304). Der einstige Gegner der Wiedervereinigung ist offensichtlich von der Politik enttäuscht.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3 | 2.333 | 2.35 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Timm Niklas Pietsch: "Wer hört noch zu?" Essen: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25712-wer-hoert-noch-zu_29839, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 29839 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenDipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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