/ 04.06.2013
Eric Hobsbawm
Wieviel Geschichte braucht die Zukunft. Aus dem Englischen von Udo Rennert
München/Wien: Carl Hanser Verlag 1998; 365 S.; 34,- DM; ISBN 3-446-19483-5Der Band setzt sich aus vereinzelt in verschiedenen Zeitschriften veröffentlichten Aufsätzen und bislang unveröffentlichten Vorträgen und Vorlesungen des Autors zusammen, die aus dem Zeitraum von 1968 bis 1996 stammen. Der Titel der Originalausgabe "On History" deutet als verbindende Thematik der Artikel die Reflexion über Geschichte, Geschichtsschreibung und Geschichtsbewußtsein an. Einleitend faßt Hobsbawm das Ergebnis seiner Überlegungen aus drei Jahrzehnten geschichtswissenschaftlicher Arbeit in der These zusammen, "daß [...] die Geschichtsforschung an einem kohärenten intellektuellen Projekt arbeitet und in ihrem Bemühen um ein Verständnis dafür, wie die Welt so geworden ist wie sie heute ist, Fortschritte gemacht hat" (11). Die Gliederung ordnet die Texte drei Problemkomplexen zu: erstens der Untersuchung von Gebrauch und Mißbrauch von Geschichte in Gesellschaft und Politik, insbesondere der Bedeutung der Geschichte für die Gesellschaftswissenschaften; zweitens der Erörterung neuerer Tendenzen in der Geschichtswissenschaft sowie der Stellungnahme zu öffentlichen Kontroversen z. B. über den postmodernen Geschichtsbegriff oder den Zusammenhang von Geschichte und Identität; drittens die selbstreflexive Auseinandersetzung Hobsbawms mit "seiner" Form der Geschichte, d. h. der von ihm über Jahrzehnte entwickelten Interpretation der Geschichte. Eine thematische Zuspitzung und Konkretisierung am Gegenstand erfahren diese Problemkomplexe, indem der Autor sie auf zwei Brennpunkte der zeitgenössischen Kontroversen in der Geschichtswissenschaft orientiert. Das sind zum einen die Frage nach dem Beitrag und nach den Grenzen des marxistischen Geschichtsbegriffs, zum anderen die Frage nach der objektiven Realität von Geschichte bzw. der Objektivierbarkeit von Geschichtserkenntnis als Ergebnis wissenschaftlicher Forschung. Insgesamt bietet der Band einen repräsentativen Querschnitt der hauptsächlichen Kontroversen zur theoretischen Orientierung der Historiographie sowie deren politischer Funktion und Bedeutung vom Standpunkt eines akademisch renommierten, in seiner politischen Stellungnahme jedoch vielfach umstrittenen Universalhistorikers der Moderne.
Michael Hein (HN)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
Rubrizierung: 2.2
Empfohlene Zitierweise: Michael Hein, Rezension zu: Eric Hobsbawm: Wieviel Geschichte braucht die Zukunft. München/Wien: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6359-wieviel-geschichte-braucht-die-zukunft_8625, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 8625
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
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