Zwischen Männlichkeitskult und Geschäftsmodell: Die politische Dimension der Manosphere-Influencer
Was haben Kryptowährungen und der Science-Fiction-Film „Matrix“ mit dem Männlichkeitskult in den sozialen Netzwerken zu tun? In welcher Beziehung steht all das mit dem Liberalismus, dem Staat – und überhaupt Politik? Und was macht den Reiz dieser „Manosphere“ auf viele junge Männer aus? Diese Fragen beantwortet der Beitrag von Stefan Matern und Sascha Ruppert-Karakas. Und stellt schließlich auch einige Überlegungen an, wie im schulischen Kontext mit denen produktiv umgegangen werden kann, die in den Bann dieser kruden Influencer-Bewegung geraten sind.
Eine Analyse von Stefan Matern & Sascha Ruppert-Karakas
Wer heute als junger Mann ein Smartphone in die Hand nimmt, begegnet einer bestimmten Sorte von Inhalten fast zwangsläufig: Trainingspläne, Tipps zum schnellen Vermögensaufbau, Dating-Ratschläge, Programme zur Selbstoptimierung. Auf den ersten Blick wirkt das unpolitisch und in Ausschnitten vielleicht sogar nützlich. Doch jene vermeintlich unproblematischen Inhalte sind oft das Eingangstor zu einer Weltanschauung, die die soziale Wirklichkeit in Freund und Feind aufteilt, die Gegenwart als permanenten Krisenzustand inszeniert und die eine bestimmte, mit einer aggressiven Dominanz aufgeladene Erzählung von Männlichkeit zum Maßstab erhebt. Der unbemerkte Übergang vom scheinbar Unpolitischen ins Politische ist dementsprechend die eigentliche Gefahr, in der die Influencer (hier genügt die männliche Form) der sogenannten Manosphere ihrem Publikum nicht nur einen Lebensstil, sondern ein komplettes Deutungsmuster der Welt vermitteln, das für autoritäre und antiliberale Politik anschlussfähig ist.[1]
Die Manosphere: Lore, Matrix und der „Alpha“
Als Manosphere wird ein loses, stark antifeministisches und antiliberales Netzwerk bezeichnet. Dessen thematische Knotenpunkte sind die Vorstellung einer angeblichen Benachteiligung des Mannes in der modernen Gesellschaft durch den Feminismus sowie der Umgang mit dieser angeblichen Bedrohung vermeintlich natürlicher Geschlechterbilder. Das Spektrum reicht von Selbstoptimierung über Manipulationstechniken zur sexuellen Verfügbarmachung von Frauen bis hin zu offenem Hass und der Verherrlichung toxischer Verhaltensweisen gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Verbreitet wird dieses Identitätsangebot der sogenannten toxischen Männlichkeit vor allem über das Internet, über Foren und die sozialen Medien.
Um die innere Logik dieser Szene zu verstehen, lohnt ein Blick auf ihre „Lore“, also auf das geteilte Erzähluniversum. Im Zentrum steht eine popkulturelle Anleihe beim Film „Matrix“ und dessen Idee, die erfahrbare Welt sei eine von fremden Mächten gesteuerte Simulation. Übertragen auf die Gesellschaft bedeutet das: Schule, Arbeit, Universität, das, was man fühlt, und wie man spricht, gilt als manipuliert durch weltweit agierende Geld-Eliten, die von der Steuerung der Massen profitieren. Daraus speist sich ein ganzes Set von Metaphern. „Red-pilled“ zu sein heißt, aufgewacht zu sein und erkannt zu haben, dass die Wirtschaft ein Betrug und das gesellschaftliche Leben eine Simulation sei. „Blue-pilled“ sind jene, die sich diesem Deutungsangebot verschließen. Und „black-pilled“ steht für das fatalistische Weltbild der sogenannten Incels (involuntary celibates), die Frauen pauschal die Schuld an der eigenen Einsamkeit und am eigenen Scheitern geben und nicht selten gewaltbereit sind.[2]
Die Idealfigur, die diesem Erzähluniversum entspringt, ist der „Alpha“, der den aufgewachten, dominanten und erfolgreichen Mann verkörpert, der sich der vermeintlichen Bedrohung in einem heroischen Selbstverständnis widersetzt. An dieser Figur lässt sich bereits ablesen, dass es nicht nur um einen Lebensstil geht, sondern um ein System der Spielregeln über sich selbst und die Gesellschaft, das auf eine Disruption gegebener Verhältnisse abzielt.
Denkstrukturen und ihre sozialpsychologische Grundlage
Betrachtet man die Szene weniger aus feministischer als aus der Perspektive der Forschung zu Autoritarismus, Antiliberalismus und Extremismus, so lassen sich vier zusammenhängende Denkstrukturen freilegen, die das ideologische Gerüst bilden.[3] Sie docken an grundlegende (sozial-)psychologische Mechanismen an, weshalb es sich gerade nicht um ein Randphänomen verschrobener Einzelner handelt.
An erster Stelle steht die Konstruktion sozialer Realität über eine konkrete Kategorisierung und Unterscheidung von Freund und Feind. Die Welt wird als von „globalistischen“, liberalen Schatteneliten beherrscht wahrgenommen, zu deren vermeintlicher Agenda der Feminismus zählt. Dieser wird zusammen mit der Gleichstellung einfordernden Frau sowie dem Liberalismus, der solche Forderungen überhaupt erst ermöglicht, als schuldig für die missliche Lage der Individuen (Männer) konstruiert. Sozialpsychologisch verspricht diese Freund-Feind-Konstruktion Zugehörigkeit und Orientierung: Menschen definieren einen Teil ihres Selbstwerts über Gruppenzuordnung und neigen dazu, die Eigengruppe positiv zu bewerten und sich von Fremdgruppen abzugrenzen.[4] Feindbilder stabilisieren die positive Gruppenidentität, weil die eigene Gruppe im Vergleich überlegen erscheint und erfüllen so eine identitätsstiftende Funktion. Außerdem befriedigen sie das Bedürfnis nach klaren, eindeutigen Antworten vom Typ „Wir sind die Guten, sie sind verantwortlich für das Problem“ und reduzieren so Ambiguität und Komplexität.[5] Feindbilder sind also zugleich eine kognitive Vereinfachungsstrategie und emotionalisieren politische Konflikte, weil sie festlegen, wem man vertrauen kann und wer eine Bedrohung darstellt.
Aus dieser Abgrenzung folgt, zweitens, ein bestimmtes Verhältnis zur Identität: Identitäten gelten nicht als relativ oder gestaltbar, sondern werden essenzialisiert. Das Konzept des psychologischen Essenzialismus beschreibt die Annahme, die Mitglieder einer Kategorie würden eine tiefe, verborgene Essenz teilen, die festlege, was sie sind und wie sie sich verhalten.[6] Der Satz „Das liegt daran, dass er ein Mann ist – Männer sind einfach rationaler als Frauen“ zeigt das Muster idealtypisch: Einer Kategorie wird eine innere, natürliche Eigenschaft zugeschrieben, mit dieser Essenz wird Verhalten erklärt, und schließlich wird vom Individuum auf die ganze Gruppe generalisiert. Personen mit essenzialistischen Vorstellungen nehmen stereotypkonsistente Informationen stärker wahr, halten Gruppen für grundsätzlich verschieden und übertragen Eigenschaften leicht von Einzelnen auf Kollektive. In der Konsequenz erscheinen soziale Unterschiede als natürlich, unvermeidbar und unveränderlich.[7]
Aus dieser angenommenen Natürlichkeit ergibt sich, drittens, ein Verhältnis zum Recht, das man auf eine einfache Formel bringen kann: Recht ist, was sich der Stärkere nimmt. Stärke wird dabei männlich assoziiert. Rechte gelten nicht für alle gleichermaßen, sondern werden von Zugehörigkeit, vermeintlicher „Natürlichkeit“ oder Besitz abhängig gemacht. Weil die liberale Gesellschaft diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten nicht anerkennt, sondern den Grundsatz der Gleichheit vor dem Recht hochhält, erscheint sie als eine von außen oktroyierte, künstliche Ordnung.
Damit wird die Welt als endzeitlicher Kampf von Gut gegen Böse gedeutet, womit Menschen in einen ständigen Zustand der Krise und der Unsicherheit versetzt werden. Unter solchen Bedingungen suchen Menschen stärkere soziale Ordnung, akzeptieren strengere Normen und zeigen mehr Unterstützung für Autorität und Kontrolle. Unsicherheitsgefühle machen für Verschwörungserzählungen empfänglich. Das zeigt unter anderem eine Meta-Analyse von 279 Studien mit über 137.000 Personen.[8] Sie unterscheidet epistemische Motive (das Bedürfnis, die Welt zu verstehen und Unsicherheit zu reduzieren), existenzielle Motive (das Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle bei erlebter Bedrohung) sowie soziale Motive (das Bedürfnis nach positiver Identität und Zugehörigkeit). Die Manosphere bedient alle drei zugleich. In einer sozialen Realität, die von Feindbildern und Dauerkrise geprägt ist, müssen Kompromiss und Vermittlung als Verrat erscheinen.
Einstieg, Zielgruppe und Geschäftsmodell
Entscheidend für die Reichweite ist, wie der Einstieg organisiert wird. Über Fitness, Finanzen, Krypto, Dating-Tipps und physische sowie psychische Selbstoptimierung wird die Zielgruppe zunächst mit unpolitisch anmutenden Themen erreicht. Welche Rolle Reichtum, Aussehen und Muskeln spielen, lässt sich am Idealbild des Alpha ablesen. Er verdient viel Geld nicht als Angestellter, sondern durch Investments in Kryptowährungen und ähnliche Anlagegeschäfte. Denn wer die „Matrix“ überlisten will, so die Logik, muss selbst zur Elite gehören; und das gelinge nicht über die Instanzen von Schule, Ausbildung und regulärem Arbeitsmarkt. Beruflicher Erfolg setze zudem rücksichtslose Selbstoptimierung voraus, wodurch körperliche und emotionale Härte zum Kern der Identität werden. Wer als „Wolf unter Wölfen“ dominiert, so das Versprechen, mache sich den noch nicht „vom Feminismus beherrschten“ Teil der Frauenwelt frei verfügbar und befreie sich aus der „Matrix". Aus dieser Verknüpfung von Dominanz, Aussehen und Ernährung erwachsen mitunter absurde Empfehlungen, wie beispielsweise zum Sonnenschutz auf Sonnencreme zu verzichten. Die Szene mag inhaltlich heterogen sein, doch ein gemeinsames Interesse eint viele ihrer Akteure: möglichst viel Geld zu verdienen. Die Manosphere ist ein lukratives Geschäftsmodell.
Ein Beispiel hierfür ist die „Rohgäng“, ein loses Kollektiv mehrerer Influencer, die auf Fitness, vermeintlich richtige Ernährung und den unterstellten Betrug in der Medizin fokussiert. Besonders sichtbare Akteure aus diesem Netzwerk, wie Coach Aaron und Fabian Kowallik verdienen ihr Geld vor allem über Produktplatzierungen. Weil diese in der „Matrix“ überall Manipulation wittern, misstrauen sie der Lebensmittelindustrie und raten zum Verzehr von Rohmilch, viel Fleisch und einer Fülle von Nahrungsergänzungsmitteln, die auf ihrer Website käuflich zu erwerben sind. Ikonen der Szene wie Andrew Tate setzen weniger auf physische Produkte als auf Dienstleistungen. Dazu gehören die kostenpflichtigen Online-Plattformen „Hustler University“ beziehungsweise „The Real World", wo man angeblich lernt, bei Frauen anzukommen und in genau jene Finanzprodukte zu investieren, an denen die Anbieter selbst mitverdienen.
Warum diese Angebote mitunter auf fruchtbaren Boden fallen, zeigt der Blick auf die Zielgruppe. Viele junge Männer erleben Gleichstellung offenbar subjektiv als Rückschritt, der sie empfänglich für Stellungskämpfe macht. Einen entsprechenden konservativen Backlash, beispielsweise im Vergleich zwischen der Gen Z und der Boomer-Generation, illustriert auch der Ipsos-Report zum Weltfrauentag 2026. So stimmen ganze 57 Prozent der männlichen Gen Z der Aussage zu, dass die Förderung der Gleichstellung von Frauen zu einer Diskriminierung von Männern geführt habe. Bei den männlichen Boomern sind es „nur“ 42 Prozent.[9] An die Verunsicherung infolge der subjektiv empfundenen Benachteiligung setzt das Identitätsangebot der Manosphere an: Aus dem Gefühl der Bedrohung wird eine „Kämpfernatur“ geformt, mit der ein antagonistischer Nutzenmaximierer entgegen dem für die Demokratie konstitutiven Kompromiss agiert. Reichtum, vor allem in Form von Krypto, erscheint als Mittel zur „Freiheit“ von staatlicher Kontrolle, Selbstoptimierung als politische Kardinaltugend. Verstärkt wird dies durch eine Pseudo-Authentizität als Marketingstrategie: Die Influencer treten als Wissens-Autoritäten auf, betonen aber zugleich, gar keine Experten zu sein. Diese Selbstinszenierung federt die Kritik im Vorhinein ab.
Was die Forschung über die Anziehungskraft weiß
Über die bloße Beschreibung hinaus gibt es inzwischen empirische Annäherungen an die Frage, warum solche Figuren wirken. Zentral ist die Transformation von Angst – vor Statusverlust, vor dem Scheitern beim Dating, vor Bedeutungslosigkeit – in Hoffnung, vermittelt über Coaching- und Erfolgsversprechen. Humor dient dabei als homosoziales Bindungsmittel, hinzu kommt das Angebot einer parasozialen Beziehung zum „großen Bruder“: Indem die Jungen als Opfer eines Systems adressiert werden, werden gekränkte Anspruchshaltungen befördert.[10] Auffällig ist zudem, dass die Inhalte häufig stärker auf Disziplin, Reichtum und Selbstoptimierung fokussiert sind als auf expliziten Sexismus: Nur ein Teil ist offen frauenfeindlich; tragend ist vielmehr eine extrem individualistische Gewinner-Verlierer-Logik sowie die Abwertung von „Kindheit" zugunsten einer hypermaskulinen Erwachsenenidentität.[11] Die Wirkung liegt damit weniger in einzelnen Aussagen als im Gesamtethos des „Alphatären“.[12]
So niedrigschwellig der Einstieg ist, so weitreichend sind die Folgen, sobald man sich in den Echokammern der Szene bewegt, die durch die algorithmische Bevorzugung emotionalisierter und provokanter Inhalte zusätzlich verstärkt werden.[13] Sind die Talking Points erst einmal internalisiert, entsteht nahezu unbemerkt ein Gedankenkonstrukt, das nicht nur die Wahrnehmung der Welt und die Verarbeitung von Wissen, sondern auch die Gefühlswelt prägt. Sozial führt die übernommene Weltsicht zu Reibungen, weil die implizit aggressive Haltung im Umfeld aneckt; das Gefühl, zugleich unverstanden und überlegen zu sein, mündet in schrittweise Isolation. Ökonomisch fließt Geld in Programme, die Reichtum „jenseits der Matrix" versprechen, der Logik des Glücksspiels gleichen und keine belastbaren Erfolgszahlen vorweisen. Im Bereich von Bildung und Karriere verbauen sich Betroffene Wege, weil Schule und Ausbildung als Vermittlung „nutzlosen“ Matrix-Wissens abgewertet werden, während das Dasein als selbstständiger Krypto-Investor als Inbegriff von Freiheit und Sicherheit erscheint. Gesundheitlich erzeugt ein Weltbild des permanenten Kampfes Dauerstress, der psychische Erkrankungen, Angst und Depression begünstigt. Hinzu treten gefährliche und gesundheitsgefährdende Tipps wie der Verzehr roher Milch und rohen Fleisches, die Einnahme von Entwurmungsmitteln für Tiere anstelle einer Impfung oder die Empfehlung, ins Fitnessstudio statt in Therapie zu gehen. Am äußersten Ende dieses Spektrums steht die Radikalisierung bis hin zur Gewalt, wie die Anschläge von Hanau und Halle zeigen. Der Attentäter von Hanau kombinierte rechtsextreme und rassistische Motive mit verschwörungsideologischen und misogynen Elementen,[14] während der Attentäter von Halle dem Feminismus die Schuld an den sinkenden Geburtenraten im Westen gab, woraus Massenmigration resultiere; an all diesen Problemen sei am Ende „der Jude“ schuld.[15] Solche Extreme sind nicht repräsentativ für die breite Zielgruppe, markieren aber, wohin die Logik in letzter Konsequenz führen kann. Als Kernbefund bleibt: Die Angebote liefern keine echte Lösung, sondern schüren Angst und verkaufen einfache Antworten, nutzen Unsicherheit gezielt aus und hinterlassen Abhängigkeit, Isolation und reale Schäden.
Die politische Dimension
Die in den unpolitisch anmutenden Themen angelegten Deutungsmuster bleiben also nicht folgenlos: Sie tragen ideologische Residuen einer autoritären Identitätsbildung, über die Subkulturen zu Arenen politischer Mobilisierung werden. Die Andockstellen lassen sich konkret an einzelnen Akteuren zeigen. Der Fitness- und Lifestylecoach Karl Ess ruft zur Wahl der AfD auf, bezeichnet den Sozialstaat als „kommunismusmäßigen Schwachsinn", stellt das Frauenwahlrecht infrage und zweifelt an der Demokratie als solcher, etwa mit dem affirmativ gemeinten Hinweis, auch Unternehmen seien nicht demokratisch organisiert. Die mittlerweile getrennten Podcaster Hoss & Hopf flirten mit AfD-Positionen zu Migration, Sozialhilfekürzungen und Fiskalpolitik, bewundern Trump, Musk und Milei und bedienen den Verschwörungsmythos vom „Großen Austausch“. Anschlussfähig sind solche Positionen an Stichwortgeber wie Maximilian Krah mit der Formel, das „liberale Zeitalter“ forme eine Generation, die nicht mehr wisse, wer sie sei.
Was politisch wirklich auf dem Spiel steht, lässt sich am Menschenbild ablesen. Der idealisierte Mann ist hier nicht länger ein kommunizierendes, gemeinsam handelndes Subjekt, sondern ein Hyperindividualist libertärer Lesart. Damit verbunden ist die Ablehnung des Staates als Vermittlungsinstanz, der Verpflichtung zur Solidarität und der Idee der Emanzipation. Das Resultat lässt sich als Kollektiv selbstermächtigter Hyperindividualisten beschreiben: eine autoritäre Forderung, getarnt als Freiheitsversprechen. Gerade weil sich diese Botschaft als Befreiung präsentiert, ist sie für die demokratische Öffentlichkeit so schwer zu fassen.
Gegenstrategien: Pädagogik, positive Männlichkeit und Medienpolitik
Aus der Analyse folgt unmittelbar die Frage nach Gegenstrategien, und hier ist Differenzierung der erste Schritt. Erkennbar ist eine Beeinflussung gerade nicht am Äußeren. Die Mitgliedskarte für ein Fitnessstudio ist keine Eintrittskarte in die Manosphere und Sport ist für (junge) Menschen schlicht gesund. Umso wichtiger ist es etwa für Lehrkräfte, sich mit der Sphäre auseinandersetzen, und auf konkrete Äußerungen zu achten, statt Schüler pauschal abzuurteilen. Im Gespräch ist faktenbasierte Gegenargumentation wenig zielführend. Produktiver ist es, zunächst auf der emotionalen Ebene zu kommunizieren und zugänglich zu bleiben, ohne den Eindruck feindlicher Absichten zu erwecken. Diese werden der Lehrkraft ohnehin unterstellt, weil Schule als Teil der „Matrix“ gilt. Offene Fragen helfen einzuschätzen, wie tief jemand bereits im verschwörungsideologischen Muster steckt. Sinnvoller, als sich am Inhalt abzuarbeiten, ist es dabei, dessen Struktur – Feindbild, Verschwörungsideologie, Essenzialisierung – sichtbar zu machen und nach der Glaubwürdigkeit der Quellen zu fragen. Dass eine einmalige Intervention ein Umdenken bewirkt, sollte man dabei nicht erwarten: Überzeugung ist ein langwieriger Prozess.
Pädagogisch geht es entsprechend nicht darum, Schüler (auch hier genügt die männliche Form) zu „bekehren“, sondern alternative Perspektiven anzubieten und einen „mentalen Widerstand“ gegen einfache Narrative aufzubauen. Der Glaube an verschwörungsideologische Inhalte ist kein Randphänomen und kann jeden treffen, auch leistungsstarke Schüler. Statt zu beschämen oder vorschnell zu pathologisieren, sollte man die zugrunde liegenden Mechanismen dialogisch aufarbeiten. Weil Jugendliche in einer intensiven Identitätssuche stehen, für die Social Media einfache Rollenangebote bereithält, besteht die Aufgabe der Schule auch darin, Räume für eine differenzierte Identitätsentwicklung zu schaffen und dabei nie nur die einzelne Person im Blick zu haben, sondern auch die mitanwesenden Schüler*innen. Eng damit verbunden ist die Frage nach positiven Männlichkeitsbildern sowie Heldenvorstellungen, die jedoch nicht allein im Klassenzimmer beantwortet werden kann. In Zeiten eines Rechtsrucks haben es Relativierungen von Identitäten gerade in ländlichen Regionen schwer. Der populären Misogynie sollte nicht mit Moralisierung, sondern mit positiven, pluralen Männlichkeitsentwürfen und dialogischer Arbeit an den realen Problemen der jungen Männer begegnet werden. Gebraucht werden männliche Vorbilder, die Orientierung unter männlicher Identifikation bieten, ohne Identität über Abgrenzung zu stiften: Personen, die beruflich erfolgreich sind (und vielleicht sogar Muskeln aufbauen), ihre Stärke aber über Verantwortung für andere und ein inklusives Weltbild definieren statt über die Abwertung von Frauen oder die Dominanz über Schwächere.
Über die Pädagogik hinaus bedarf es einer Verstärkung zivilgesellschaftlicher Strukturen. Konzepte wie Digital Streetwork stärken die Medienkompetenz junger Menschen dort, wo sie sich aufhalten.[16] Hinzukommen muss eine teil-interventionistische Medienpolitik, die gezielter Desinformation entgegentritt, Transparenz stärkt und so das Machtgefälle zwischen Plattformen und Nutzer*innen verringert. Mit Hebeln wie dem Digital Services Act und dem Vorhaben, vorsätzliche Falschinformation nicht länger unter die Meinungsfreiheit zu fassen, sind hier erste Schritte getan. Dabei bewegt sich der liberale Staat auf einem schmalen Grat: Er muss Desinformation als subtile Gefahr für die Demokratie ernst nehmen und zugleich Meinungsfreiheit und Jugendschutz gewährleisten. Als Modell bietet sich daher eher Kennzeichnung als Zensur an. Analog zur Kennzeichnung von Lebensmitteln könnten Plattformen problematische Inhalte mit hoher Reichweite markieren, geprüft mit lizenzierten zivilgesellschaftlichen Meldestellen. Zensur wäre kontraproduktiv, weil sie das Verschwörungsnarrativ nur bestätigte, dem zufolge die Matrix die „Alphatären“ kleinhalten wolle. Ergänzend müssen liberal-demokratische Akteure auf den Plattformen selbst präsent sein und Gegenrede leisten.
Fazit
Die Influencer der Manosphere sind mehr als ein Lifestyle-Phänomen. Ihre Wirkung läuft über eine medial erzeugte soziale Wirklichkeit, die von Freund-Feind-Unterscheidungen strukturiert und von einem dauerhaft inszenierten Krisenzustand zusammengehalten wird. Darin liegt die eigentliche Pointe für die politische Kultur und Kommunikation: Die Mobilisierung erfolgt gerade nicht über offen politische Botschaften, sondern über Identitätsangebote, die auf reale Verunsicherungen antworten und persönliche Unsicherheiten in ein soziales Deutungsangebot übersetzen. Wer ihnen begegnen will, kommt mit Faktenkorrektur und Moralisierung nicht weit. Gefragt sind die Stärkung von Resilienz und Medienkompetenz, glaubwürdige alternative Männlichkeitsbilder und eine Medienpolitik, die die Meinungsfreiheit schützt und zugleich die Geschäftsmodelle der Polarisierungsunternehmer sichtbar macht.
Anmerkungen:
[1] Die folgenden Überlegungen basieren auf Workshops und Tagungsformaten, die wir unter dem Label „Gemeinsam. Gesellschaft. Gestalten“ mit verschiedenen Trägern durchführen durften. Dazu zählten die Tagung „Politische Bildung als Herausforderung an der Förderschule“ (März 2026) mit dem Vortrag „Zwischen Männlichkeitskult, alternativen Wahrheiten und Manipulation. Die politische Dimension digitaler Influencer“ an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, die Keynote „Toxisch, verschwörungsideologisch und libertär: Wie Influencer antiliberalem Gedankengut den Weg bereiten“ beim 7. Niederbayerischen Netzwerktreffen von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ (November 2025) sowie der Workshop und Vortrag bei der Studientagung „Populismus und Extremismus in Vollzug und Gefängnis“ unter dem Titel „Wie Influencer Rechtspopulisten den Weg bereiten“ in Erfurt (Oktober 2025).
[2] Vgl. Kaiser, Susanne (2020): Politische Männlichkeit: Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen, Berlin: Suhrkamp Verlag.
[3] Vgl. Matern, Stefan und Ruppert-Karakas, Sascha (2026): Das Betriebssystem antiliberaler Diskurse: Von Andrew Tate bis zur Neuen Rechten, in: CEMAS Blog, online unter: https://cemas.io/blog/das-betriebssystem-antiliberaler-diskurse/ (letzter Zugriff: 08.06.2026).
[4] Vgl. Tajfel, Henri und Turner, John C. (1979): An Integrative Theory of Intergroup Conflict, in: Austin, William G. und Worchel, Stephen (Hg.), The Social Psychology of Intergroup Relations, Monterey: Brooks/Cole, S. 33-37.
[5] Vgl. Kruglanski, Arie W. (1989): Lay Epistemics and Human Knowledge: Cognitive and Motivational Bases, New York: Plenum Press.
[6] Vgl. Haslam, Nick und Whelan, Jennifer (2008): Human natures: Psychological essentialism in thinking about differences between people, in: Social and Personality Psychology Compass 2: 3, S. 1297-1312.
[7] Vgl. Medin, Douglas L., und Ortony, Andrew (1989): Psychological essentialism, in: Vosniadou, Stella und Ortony, Andrew (Hg.): Similarity and analogical reasoning, Cambridge u. a.: Cambridge University Press, S. 179-196.
[8] Vgl. Biddlestone, Mikey, Green, Ricky, Douglas, Karen M., Azevedo, Flávio, Sutton, Robbie M. und Cichocka, Aleksandra (2025): Reasons to believe´. A systematic review and meta-analytic synthesis of the motives associated with conspiracy beliefs, in: Psychological Bulletin 151: 1, S. 48-87.
[9] Vgl. International Women’s Day 2026. Online, https://www.ipsos.com/sites/default/files/ct/news/documents/2026-03/IWD%202026%20Global%20Charts%20FINAL.pdf (letzter Zugriff: 09.06.2026).
[10] Vgl. Haslop, Craig; Ringrose, Jessica; Cambazoglu, Idil und Milne, Betsy (2024): Mainstreaming the manosphere’s misogyny through affective homosocial currencies. Exploring how teen boys navigate the Andrew Tate effect, in: Social Media + Society 10: 1, S. 1-11.
[11] Vgl. Thomas-Parr, Georgia und Gilroy-Ware, Marcus (2024): Im/perceptible boyhood in a post-Andrew Tate world, in: Australian Feminist Studies 39: 1-2, S. 229-250.
[12] Vgl. Matern, Stefan und Ruppert Karakas, Sascha (2025): Maskulin und libertär. Wie Influencer Rechtspopulisten den Weg bereiten, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 70: 6, S. 68-75. Auch online: https://www.blaetter.de/ausgabe/2025/juni/maskulin-und-libertaer [letzter Zugriff: 08.06.2026].
[13] Vgl. Bertelsmann Stiftung (2025): Digitalisiert, politisiert, polarisiert? Eine Analyse von Social-Media-Feeds junger Menschen zur Bundestagswahl 2025 auf TikTok, Youtube, Instagram und X. Online unter: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/digitalisiert-politisiert-polarisiert [letzter Zugriff: 08.06.2026].
[14] Brace, Lewis; Baele, Stephane J. und Ging, Debbie (2024): Where do ‘mixed, unclear, and unstable’ ideologies come from? A data-driven answer centred on the incelosphere, in: Journal of Policing, Intelligence and Counter Terrorism 19: 2, S. 103–124.
[15] Gensing, Patrick (2019): Stream voller Hass, in: Tagesschau, 09.10.2019. Online unter: https://www.tagesschau.de/inland/halle-taeter-101.html [letzter Zugriff: 28.06.2026].
[16] Vgl. Dinar, Christina und Wiedel, Fabien (2023): Soziale Arbeit in hybriden Lebenswelten. Digital Streetwork als Lösung für viele Social-Media-Probleme?, in: MedienConcret17: 1, S. 92-93.
Externe Veröffentlichungen
Männlichkeit auf Abwegen – Was tun gegen Fauenhass
3sat Mediathek, bis 17.05.2031
Shut Up, Bitch! Der Kampf um Männlichkeit
ARD Mediathek, bis 01.09.2026
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