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/ 17.06.2013
Philipp Steger

Abschied vom katholischen Land? Polens Kirche nach dem Kommunismus

Wien: Braumüller 2001 (Studien zur politischen Wirklichkeit 11); XIV, 282 S.; kart., 42,- €; ISBN 3-7003-1362-4
Stegers Studie zeigt, was die Politikwissenschaft bei der Untersuchung einer Institution wie der Kirche leisten kann, deutet aber auch ihre Grenzen an. Anders als die Soziologie hat die Politikwissenschaft bislang Religion in ihrer institutionellen Ausprägung kaum im Blick gehabt. Der Autor möchte Machtmittel und Politikstil der Kirche in einem katholischen Land untersuchen. "Welche Rolle spielen politische Macht und Annahmen über politische Macht der polnischen Kleruskirche für die politischen Parteien bei der Auswahl unter verschiedenen Handlungsoptionen?" (7) Der unschöne und ekklesiologisch unakzeptable Begriff der "Kleruskirche" ist vergleichbar der deutschen Bezeichnung "Amtskirche" und meint die nationale Bischofskonferenz. Diese erhebliche Reduktion der sozialen und theologischen Wirklichkeit Kirche ermöglicht es Steger, die katholische Kirche als einheitlich agierenden Akteur zu beschreiben, der mit Kalkül sein Hauptinteresse verfolgt: den Auftrag der Evangelisierung. Zusätzlich gebe es politische Interessen der "Kleruskirche", die parallel zu dem Hauptinteresse verfolgt werden. Zwei davon wählt der Autor zum Untersuchungsgegenstand: Das Konkordat zwischen Polen und dem Vatikan sowie die Abtreibungsdebatte. Steger schildert ausführlich den Ablauf der Ereignisse, die Machtverteilung zwischen Kirche, politischen Parteien und Regierungen und arbeitet die verschiedenen Interessen und Handlungsoptionen heraus. Er geht in Anlehnung an die ökonomische Theorie der Politik davon aus, dass bei der Auswahl zwischen verschiedenen Handlungsoptionen seitens der Kirche Rationalität zugrunde liege (11). Eine Beeinträchtigung rationaler Entscheidungen erfolge durch den Faktor "Vatikankirche", der "zu Inflexibilität und Fremdbestimmung der Ortskirche führt" (256). Steger resümiert, dass auch die polnische "Kleruskirche" über "wenige 'reale' Machtmittel verfügt" (254). Stark sei sie überwiegend durch vermutete Macht - vermutet von ihr nahe stehenden Parteien, die wiederum kirchliche Interessen in den politischen Betrieb einspeisen. Die "reale" Macht der Kirche hatte schon Stalin mit seiner Frage nach den Divisionen des Papstes angezweifelt. Dennoch setzt die katholische Kirche in der politischen Wirklichkeit, die die Studie aufzuklären vorgibt, häufig ihre politischen Ziele durch. So auch bei Stegers beiden Beispielen: Das Konkordat wurde im Februar 1998 ratifiziert und das restriktive Anti-Abtreibungsgesetz von 1993 trat 1997 wieder in Kraft. Auch zum Ende Volkspolens hatte die katholische Kirche bekanntlich Wesentliches beigetragen, ohne dass sich die "Vatikankirche" als störend erwiesen hätte. Inhalt: I. Die römisch-katholische Kirche aus der Sicht der Politikwissenschaft; II. Hintergrund, Geschichte und Inhalt des Konkordats; III. Die Abtreibungsdebatte - ein noch immer aktueller Stellvertreterkrieg; IV. Abschied vom katholischen Land?
Henry Krause (HK)
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
Rubrizierung: 2.232.62 Empfohlene Zitierweise: Henry Krause, Rezension zu: Philipp Steger: Abschied vom katholischen Land? Wien: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16179-abschied-vom-katholischen-land_18556, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 18556 Rezension drucken
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