/ 20.06.2013
Boris Groys / Aage Hansen-Löve
Am Nullpunkt. Positionen der russischen Avantgarde. Kommentare von Aage Hansen-Löve. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold, Annelore Nitschke, Olga Radetzkaja
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2005 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1764); 778 S.; 20,- €; ISBN 978-3-518-29364-5„Die Künstler der russischen Avantgarde haben die Revolution umgehend und vorbehaltlos begrüßt“, schreibt Groys (siehe auch die Bände „Die neue Menschheit“ und „Zurück aus der Zukunft“ - ebenfalls in dieser Rubrik). „Für sie bedeutete die Revolution den Nullpunkt der politischen, sozialen und ökonomischen Ordnung in Russland.“ (13) In diesem Band werden Schriften verschiedener Künstler dokumentiert, wobei Kasimir Malevič eine herausragende Rolle einnimmt. Sein „Schwarzes Quadrat“ sei von ihm selbst als Nullpunkt der Kunst und des Lebens begriffen worden, so Groys. Der Maler habe zudem in einem Text von 1921 die Vision einer perfekten neuen Gesellschaft entworfen, „in der Kirche, Familie und alte Kunst keinen Platz mehr finden, in der alles Private getilgt ist, Menschenrechte abgeschafft werden und das ‚Parlament der individuellen Geschmäcker’ aufgelöst ist“ (17). In diesen und anderen Schriften wirkten die Künstler als geistige Begleiter der neuen Sowjetmacht. Das Verbinden ihrer eigenen Anliegen mit denen der Kommunisten geschah allerdings nicht immer zum beiderseitigen Wohlgefallen. Die Kommunistische Partei habe für sich allein beansprucht, die Massen zu bewegen, schreibt Groys. Dieses Privileg habe man sich nicht von ein paar Künstlern nehmen lassen wollen. Deren Forderungen nach einer allgemein verpflichtenden, revolutionären Ästhetik sei deshalb 1934 mit der Einführung des Sozialistischen Realismus begegnet worden. Dies habe aber Malevičs Auffassung von der Revolution als „Emanzipation aus den Zwängen einer jeden Gesellschaftsökonomie“ (727) widersprochen, so der Münchner Philologe Hansen-Löve in seiner zusammenfassenden Analyse. Für Malevič sei diese Festlegung ein Versagen der Sowjetmacht und des Kommunismus in Kunstfragen gewesen und damit ein unverzeihlicher Verrat an den Zielen der kulturellen und sozioökonomischen Revolution.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.22 | 2.23 | 2.62
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Boris Groys / Aage Hansen-Löve: Am Nullpunkt. Frankfurt a. M.: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25208-am-nullpunkt_29189, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 29189
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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