/ 22.06.2013
Stephan Ruderer
Das Erbe Pinochets. Vergangenheitspolitik und Demokratisierung in Chile 1990-2006
Göttingen: Wallstein Verlag 2010 (Diktaturen und ihre Überwindung im 20. und 21. Jahrhundert 6); 402 S.; 34,90 €; ISBN 978-3-8353-0736-0Geschichtswiss. Diss. Heidelberg; Gutachter: E. Wolfrum, E. Wolgast. – Mit dem Tod Salvador Allendes 1973 infolge des Militärputsches unter Führung von Augusto Pinochet begann für Chile eine Zeit der Diktatur, die bis 1990 andauern sollte und zum „Sinnbild für die autoritären Repressionsregime in Lateinamerika“ (10) geworden ist. Ruderer unternimmt den sehr gelungenen Versuch, den Umgang einer jungen Demokratie mit einem solchen Erbe, mit einer Vergangenheit von Menschenrechtsverletzungen, Folter und der Praxis des Verschwindenlassens von bis zu 3.000 Menschen historisch und empirisch nachzuzeichnen. Ruderer beleuchtet gut verständlich die chilenische Transición, die für manche Politikwissenschaftler noch nicht abgeschlossen ist, aus zeithistorischer Perspektive. Neben einer ausführlichen Darstellung der Pinochet-Diktatur selbst widmet er der Analyse der Vergangenheitspolitik und ihrer Bedeutung für die Demokratisierung Chiles fünf Kapitel. Diese repräsentieren die einzelnen Phasen des Untersuchungszeitraumes von 1990 bis 2006. Für jede Phase werden nicht nur die einschlägigen vergangenheitspolitischen Maßnahmen, wie etwa Kommissionen zur Wahrheitsfindung, Entschädigungsleistungen, Formen des Gedenkens oder Fragen der transitional justice analysiert. Die Vergangenheitspolitik wird vielmehr in ihren jeweiligen historischen Kontext eingebettet und um die Perspektive des öffentlichen Diskurses ergänzt. Dadurch ermöglicht Ruderer einen komplexen und reflexiven Einblick in die chilenischen Aufarbeitungsbemühungen des von Pinochet hinterlassenen Erbes. Der Autor schließt mit einem Ausblick. Ausgehend von der Analyse der chilenischen Vergangenheitspolitik „in ihren Wechselwirkungen mit dem Demokratisierungsprozess und ihrer öffentlichen Vermittlung“ (354) bleibt für Ruderer ein Bild voller Widersprüche und Ambivalenzen. Dass Chile als stabilisierte Demokratie gelten darf, ist dabei unstrittig – einzig der Prozess der Vergangenheitsbewältigung ist noch lange nicht an seinem Ende. Und das nicht nur in Chile – es lohne sich nämlich, so Ruderer, „verstärkt auf andere Weltregionen zu schauen“ (355).
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.65 | 2.23 | 2.22 | 2.21
Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Stephan Ruderer: Das Erbe Pinochets. Göttingen: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32855-das-erbe-pinochets_39246, veröffentlicht am 13.10.2010.
Buch-Nr.: 39246
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Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
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