Skip to main content
/ 20.06.2013
Michael Wolffsohn / Thomas Brechenmacher

Denkmalsturz? Brandts Kniefall

München: Olzog 2005; 178 S.; hardc., 18,50 €; ISBN 978-3-7892-8162-4
„Geschichtspolitisch und moralisch war Brandts Kniefall geradezu grandios, vielleicht sogar eine der großen Gesten der Weltgeschichte“ (11), schreiben die Historiker Wolffsohn und Brechenmacher. Der Besuch des Denkmals, das an das Warschauer Ghetto erinnert, habe auf ausdrücklichen Wunsch des Bundeskanzlers stattgefunden. Die Autoren beschreiben die Vorgeschichte und den Kontext des Kniefalls im Jahre 1970 sowie die internationalen Reaktionen darauf. Letztere waren verschwindend gering, so das Ergebnis einer Recherche in Zeitungsarchiven und Regierungsdokumenten. Vor allem aber in Osteuropa sei das Ereignis ignoriert worden, was nicht verwunderlich gewesen sei: Brandt habe wissentlich und willentlich seine Knie „in ein Fettnäpfchen“ (29) gesenkt. Die Polen hätten sich und nicht die Juden (auch wenn es polnische Juden gewesen waren) als Opfer des Nationalsozialismus gesehen. Zudem habe die polnische Führung noch im März 1968 eine antisemitische Kampagne geschürt, in deren Folge 18.000 der 30.000 nach dem Krieg noch in Polen lebenden Juden emigrierten. Der Kniefall hätte also, meinen die Autoren, „die gesamte Ostpolitik der sozialliberalen Koalition in die Luft jagen können“ (37). Stattdessen aber hätten die Ostblock-Staaten politisch kalkuliert reagiert. Als problematisch seien vielmehr die damaligen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel einzuschätzen. Diese drohten durch die Ostpolitik und ihrer Kooperationsbereitschaft gegenüber judenunfreundlichen Staaten konterkariert zu werden, zumal Brandt in seiner ersten Regierungserklärung 1969 mit keinem Wort Deutschlands besondere Verantwortung gegenüber Israel und den Juden erwähnt habe. Mit dem Kniefall aber habe Brandt seine Unabhängigkeit demonstriert und die deutsche Verantwortung für Israel manifestiert – was dort für wenig Eindruck gesorgt habe, statt Gesten habe man in Jerusalem auf Taten gewartet. Der Kniefall Brandts habe seine Bedeutung erst langfristig entfaltet, so das Fazit der Autoren, und das Bild eines neuen, besseren und menschlicheren Deutschlands geprägt.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.212.3132.612.634.222.35 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Michael Wolffsohn / Thomas Brechenmacher: Denkmalsturz? München: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25188-denkmalsturz_29168, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 29168 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA