/ 11.06.2013
Wichard Woyke
Deutsch-französische Beziehungen seit der Wiedervereinigung. Das Tandem faßt wieder Tritt
Opladen: Leske + Budrich 2000 (Grundlagen für Europa 5); 277 S.; kart., 48,- DM; ISBN 3-8100-2530-5Ob "europäischer Motor", "couple franco-allemand" oder "Tandem" - die mittlerweile bis zur Genüge geschmückten Metaphern zur Umschreibung des deutsch-französischen Verhältnisses haben immer auch etwas Beschwörendes gehabt, das die trotz der engen Kooperation häufig auftretenden Interessendivergenzen der beiden Staaten seit Beginn des europäischen Einigungsprozesses oft übertünchte. In diesem Buch wird der Versuch unternommen, die unterschiedlichen Perspektiven und Konzeptionen der beiden Staaten aufzudecken und zu analysieren. Das deutlich erkennbare Ziel, möglichst einprägsam über die "wichtigsten Bereiche" (10) der deutsch-französischen Beziehungen zu informieren, birgt dabei trotz der insgesamt gelungenen Darstellung aber die Gefahr der zu starken Vereinfachung. So wird etwa zu pauschal das kontinuierliche Streben Frankreichs nach einer "Großmachtrolle" (166) immer wieder betont - belegt neuerdings an der von Präsident Chirac seit 1996 in Angriff genommenen Militärreform -, obwohl gleichzeitig an anderer Stelle sehr viel zutreffender festgehalten wird, daß "sowohl in Frankreich als auch in Deutschland [...] die führenden politischen Akteure erkannt [haben], daß die Durchsetzung der nationalen Interessen nur gebündelt in und mit der Europäischen Union" (180 f.) erzielt werden kann. Auch ist fraglich, ob der Kosovo-Konflikt, bei dem die Regierungen Frankreichs und Großbritanniens unter den europäischen Staaten eindeutig die Führung übernahmen, die Konferenz in Rambouillet leiteten und das Gros der in Mazedonien stationierten Extraction Force stellten, wirklich als ein gutes Beispiel für die "enge sicherheitspolitische Kooperation" (180) Deutschlands und Frankreichs anzusehen ist.
Obwohl eine Zwischenbilanz seit Beginn der Amtszeit der rot-grünen Regierung in Deutschland zu diesem Zeitpunkt schwierig zu ziehen ist, wäre angesichts der im Buch nur flüchtig erwähnten Differenzen zwischen den beiden Staaten - im Bereich der Reform der EU selbst, in der Nuklearpolitik oder jüngst bei der Kandidatenkür für den Posten des IWF-Generalsekretärs - eine sachlichere Schlußbetrachtung wünschenswert gewesen. Denn der Eindruck entsteht doch, daß mit pathetisch anmutenden Sätzen ("Deutschland und Frankreich sind an der Schwelle des Jahrhunderts aufgerufen, [...] die Europäische Union für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorzubereiten" [181]) beschworen werden soll, daß aus dem deutsch-französischen Tandem nicht einfach zwei rostige Fahrräder werden dürfen.
Tamara Keating (TK)
Dr., Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 4.21 | 4.22 | 2.61
Empfohlene Zitierweise: Tamara Keating, Rezension zu: Wichard Woyke: Deutsch-französische Beziehungen seit der Wiedervereinigung. Opladen: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10285-deutsch-franzoesische-beziehungen-seit-der-wiedervereinigung_12167, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 12167
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Dr., Politikwissenschaftlerin.
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