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/ 11.06.2013
Leo Trotzki

Die Balkankriege 1912-13. Aus dem Russischen übersetzt von Hannelore Georgi und Harald Schbärth

Essen: Arbeiterpresse Verlag 1996 (Trotzki-Bibliothek); 585 S.; brosch., 48,- DM; ISBN 3-88634-058-9
Trotzkis Werk hatte das schwierige Schicksal seines Autors: Nachdem Stalin seinen Gegner aus der Kommunistischen Partei ausschloß, wurde auch die Herausgabe der zum Druck vorbereiteten Schriften Trotzkis abgebrochen. Nur 12 von den ursprünglich 23 geplanten Bänden (9) konnten bis 1927 veröffentlicht werden und blieben lange Zeit danach nur einem kleinen Kreis von Lesern zugänglich. Die erste deutsche Ausgabe des 70 Jahre früher erschienenen russischen Originals dieses Buches kann aber keineswegs als überholt bezeichnet werden. Die journalistischen Schriften Trotzkis über die Balkankriege 1912-13 stellen eine historische Aufzeichnung der politischen Situation auf dem Balkan um die Wende des 19. Jahrhunderts dar. Gleichzeitig sind sie eine interessante und anregende Lektüre, die den Vergleich mit den jüngsten Konflikten in dieser Region provoziert und damit auch mehr Wissen und Verständnis über die aktuelle Lage in dieser Region liefert. "[A]ls wolle man den Skeptikern das Recht geben", schrieb der damals 30jährige Journalist, "die Geschichte drehe sich in einem circulus vitiosus" (49). Diese pessimistische Prognose des jungen Marxisten wird heute abermals bestätigt. Als Beweis dafür dient selbst dieses Buch: Viele von Trotzkis Beobachtungen klingen erstaunlich aktuell, als seien sie über die heutigen und nicht die Balkankriege vom Anfang dieses Jahrhunderts geschrieben. Der seit 1907 im Exil lebende Revolutionär gab in Wien die Zeitung "Prawda" heraus, arbeitete aber auch für andere illegale sozialistische Zeitungen wie z. B. die bolschewistische "Proletarij". Hauptsächlich für diese beiden Zeitungen schrieb Trotzki zwischen 1908 und 12 die Beiträge, die im ersten Kapitel dieses Buches versammelt sind. Trotzki macht den Leser mit der politischen und historischen Lage in den einzelnen Balkanstaaten (vor allem in der Türkei, in Bulgarien und in Serbien) bekannt. Ihm gelingt es, die Interessen und die Politik der europäischen Mächte und der einzelnen Balkanländer in ihrem Zusammenhang zu erfassen und an die alte orientalische Frage anzuknüpfen: "Die heutigen Staaten auf der Balkanhalbinsel wurden von der europäischen Diplomatie am Tisch des Berliner Kongresses 1879 verfertigt. Dort wurden alle Maßnahmen ergriffen, um die nationale Vielfalt des Balkans in einen ständigen Kampf zwischen den Kleinstaaten übergehen zu lassen. Keiner dieser Staaten sollte über eine bestimmte Grenze hinauswachsen, jeder einzelne war separat in einem diplomatischen und dynastischen Fadengewirr gefangen und allen anderen gegenübergestellt; und schließlich waren alle zusammen zur Hilflosigkeit gegenüber den großen europäischen Staaten mit ihren pausenlosen Intrigen und Ränken verurteilt." (34) Als entschiedener Kritiker der eigennützigen Balkanpolitik der imperialistischen Mächte, des russischen Panslawismus und der unfruchtbaren, feigen und chauvinistischen Politik der politischen Führung in den Balkanländern, bietet Trotzki eine marxistische Methode als Lösung der Balkanfrage. Sein Rezept lautet "Pansozialismus gegen Panslawismus" (52) und "statt Balkankriege – Balkanrevolutionen" (51). Dies seien die richtigen Mittel für die Errichtung einer föderativen Balkanrepublik. Die marxistische Sicht, aus der Trotzki die historischen und politischen Ereignisse auf dem Balkan betrachtet, beeinträchtigt die politische Schärfe und Klarheit seiner Beobachtungen nicht. Die ablehnende Haltung der sowjetischen Führung gegenüber den Versuchen der sozialistischen Parteiführer Tito und Dimitroff, vier Jahrzehnte später eine Balkankonföderation zu begründen, ist ein Beweis dafür, wie sehr sich Trotzkis Auffassungen vom stalinistischen Schema des Marxismus abhoben. Den Schwerpunkt des Bandes bilden die Kriegsreportagen, die Trotzki hauptsächlich für die legale sozialistische Zeitung "Kiewskaja Mysl" verfaßte. Diese Kiewer Tageszeitung bot ihm 1912 an, als Kriegskorrespondent die betroffenen Balkanregionen zu bereisen. Es entstanden hervorragende Kriegsreportagen über die militärischen Ereignisse, das Leid der Bevölkerung und die Fehler ihrer politischen Führer. Trotzki ist gegen die Intervention der europäischen Mächte auf dem Balkan und bevorzugt eher die arrogante, aber offene Bismarcksche Position, für den die gesamte Balkanhalbinsel nicht die Knochen eines Grenadiers aus Pommern wert sei: "Wenn die führenden Parteien des Balkans nach all der schlimmen Erfahrung mit der europäischen Intervention keinen anderen Weg für eine Regelung des Schicksals auf dem Balkan sehen als eine neuerliche europäische Intervention, deren Ergebnisse niemand vorherbestimmen kann, dann sind ihre politischen Pläne wahrlich nicht die Knochen eines einzigen Infanteristen aus Kursk wert. Das klingt vielleicht hart, aber nur so muß diese tragische Frage von jedem ehrlichen demokratischen Politiker gestellt werden, der nicht nur an heute denkt, sondern auch an morgen" (175-176). Trotzkis Reportagen zeichnen sich durch eine schonungslose Offenheit aus, die in der heutigen Presse selten zu treffen ist. In ausführlichen Anmerkungen bietet der Autor anschließend zusätzliche Informationen, die als eine Chronik der wichtigsten Ereignisse auf dem Balkan in diesen Jahrzehnten gelesen werden können.
Deliana Popova (DP)
Dipl.-Politologin.
Rubrizierung: 2.62 Empfohlene Zitierweise: Deliana Popova, Rezension zu: Leo Trotzki: Die Balkankriege 1912-13. Essen: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10003-die-balkankriege-1912-13_11829, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 11829 Rezension drucken
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