/ 22.06.2013
Katharina Inhetveen
Die politische Ordnung des Flüchtlingslagers. Akteure – Macht – Organisation. Eine Ethnographie im Südlichen Afrika
Bielefeld: transcript Verlag 2010 (Global Studies); 440 S.; 35,80 €; ISBN 978-3-8376-1378-0Flüchtlingslager sind vor allem in Ländern des Südens die vorherrschende Form, in der Flüchtlinge offiziell untergebracht sind. Die in der Regel auf Dauer angelegten Einrichtungen sind „einerseits in ein internationales Regime eingebunden und andererseits gemeinsames Betätigungsfeld heterogener, kollaborierender und konkurrierender Akteure“ (19), beschreibt die Autorin ihren Forschungsgegenstand, den sie mit dieser empirischen Studie einer sozio-ethnografischen Bestimmung unterzieht. Am Beispiel von zwei sambischen Flüchtlingslagern, die Flüchtlinge aus dem benachbarten Angola beherbergen, untersucht sie systematisch alle wesentlichen Faktoren, die die politische Ordnung des Lagers bestimmen. Sie geht in zwei Schritten vor: Im ersten Teil stellt sie die Perspektiven, Interessen, Handlungsbedingungen und Ressourcen der verschiedenen Akteure sowie deren Beziehungen und gegenseitige Wahrnehmungen dar. Zu den untersuchten Akteuren gehören die dem Lager formal vorstehende Regierung des Gastlandes, das für die Einrichtung und den Betrieb des Lagers federführende Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR), verschiedene in den Flüchtlingslagern tätige NGOs, die Flüchtlinge selbst sowie die aus ihrer Mitte gewählte Gruppe der Flüchtlingsvertreter. Dabei zeigen sich diffuse Zuständigkeiten und vielfältige Ansprüche auf Entscheidungsmacht. Vor allem zeigt sich eine große Diskrepanz in der formalen Vormachtstellung der Regierung und dem tatsächlichen Einfluss des UNHCR, womit die auch politikwissenschaftlich interessante Frage nach der nationalen Souveränität im internationalisierten Verwaltungsgefüge von Flüchtlingslagern angesprochen ist. Auf der Basis ihrer umfassenden Akteursanalyse arbeitet Inhetveen im zweiten Schritt sieben institutionelle Kennzeichen heraus. Beispielsweise unterliegen Flüchtlingslager demnach nicht nur einer polyhierarchischen Struktur, sie befinden sich zudem im Spannungsfeld von Zwang und Freiwilligkeit, von Regulierung und Handlungsfreiheit. Außerdem sind Flüchtlingslager vom Zustand einer „dauerhaften Vorläufigkeit“ (255) geprägt, was sich einerseits auf die Lebensplanung der Flüchtlinge auswirkt, andererseits in der Ausstattung und Finanzierung der Lager und somit in der Flüchtlingspolitik allgemein widerspiegelt. Der Autorin ist eine klar strukturierte und dabei sehr facettenreiche Charakteristik der Institution Flüchtlingslager gelungen, die sie mit einer Theoriekritik des Lagerparadigmas von Agamben abschließt.
Anke Rösener (AR)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.42 | 2.67 | 2.21 | 2.22 | 4.3
Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Katharina Inhetveen: Die politische Ordnung des Flüchtlingslagers. Bielefeld: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32547-die-politische-ordnung-des-fluechtlingslagers_38848, veröffentlicht am 19.01.2011.
Buch-Nr.: 38848
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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