/ 21.06.2013
Antje Vollmer
Eingewandert ins eigene Land. Was von Rot-Grün bleibt
München: Pantheon 2006; 282 S.; 11,95 €; ISBN 978-3-570-55015-1„Ich bin nur eine begrenzt begabte Politikerin“, sagt Vollmer, von 1994 bis 2005 die erste Vizepräsidentin des Bundestages für die Bündnisgrünen. „Es reicht, wenn ich am Entstehen der Idee beteiligt war.“ (31) In einem Interview mit dem Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung Kilz erklärt sie ihre politischen Motive und versucht eine Bilanz der rot-grünen Koalition. Vollmer erscheint als eine Politikerin ohne Berührungsängste. So schrieb sie 1985 zusammen mit Christa Nickels einen Brief an die inhaftierten RAF-Terroristinnen und wurde dafür als politisch naiv eingestuft. Trotz aller Einfachheit im Vorgehen, das sie mittlerweile einräumt, ist sie nach wie von der politischer Richtigkeit ihrer Initiative überzeugt. Die RAF habe das Infragestellen der zivilen Regeln durch die Studentenbewegung als unterschwellige Botschaft verstanden; sie selbst habe dagegen versucht, den Terroristen die Bundesrepublik als Demokratie zu vermitteln. Geradezu typisch für den Politikstil Vollmers ist auch, dass sie sich 1995 auf dem Pfingsttreffen der Sudetendeutschen auspfeifen ließ. Sie wollte – keineswegs blind für die Gefühle der Vertriebenen – für eine Aussöhnung werben. Die zwei Jahre später erfolgte deutsch-tschechische Erklärung habe ihr schließlich recht gegeben, meint sie. Vollmer sieht sich als links und wertkonservativ zugleich. „Im Kern ist mein Ziel immer, die Gesellschaft, auch wenn sie sich gar nicht ändern will, trotzdem zu verändern, und zwar mit den Mittel der Debatte.“ (59) Einer ihrer Fehler sei das Eintreten für die Rotation gewesen, sie habe gedacht, so „die Ausbildung von tyrannischen Machtapparaten und dieser innerparteilichen Diktatur, einer der Urfehler des sozialistischen Systems“ (36), zu vermeiden. Erreicht worden sei aber nur der Verlust der wichtigsten Personen. Positiv an diesem Interview hervorzuheben ist, dass Kilz als kritischer Gesprächspartner auftritt. Vollmer gelingt es deshalb nicht, immer überzeugend sein, etwa bei ihrer Rechtfertigung dafür, dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr entgegen der eigenen Überzeugung zugestimmt zu haben.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3 | 2.331 | 4.21
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Antje Vollmer: Eingewandert ins eigene Land. München: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/27106-eingewandert-ins-eigene-land_31650, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 31650
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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