/ 18.06.2013
Lucian Boia
Geschichte und Mythos. Über die Gegenwart des Vergangenen in der rumänischen Gesellschaft
Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2003 (Studia Transylvanica 30); VII, 291 S.; geb., 27,90 €; ISBN 3-412-18302-4„Die Geschichte ist ein Machtinstrument" (260) - diesen Kernsatz seines in Rumänien bereits 1997 erschienenen Werks exemplifiziert Boia immer aufs Neue in seiner scharfsinnigen, mitunter brillanten Analyse rumänischer Geschichtsmythen und ihrer politischen Instrumentalisierung. Der Bukarester Historiker beschränkt sich dabei nicht auf die kommunistische Zeit oder die Irrungen und Wirrungen des Rumäniens nach dem Tod des „Großen Führers" - obwohl den über die totalitäre Phase hinaus wirkenden Mythen sein besonderes Interesse gilt, sondern er geht weit ins 19. Jahrhundert zurück. Ausgehend von einer scharfen Kritik an einem überholten Geschichtsverständnis, dem „Mythos von einer perfekten und objektiven Geschicht[sschreibung]" (2), spannt Boia einen weiten Bogen von den Etappen der rumänischen Historiografie über die wirkmächtigen Mythen des dakischen Ursprungs, der Kontinuität und der rumänischen Einheit bis hin zu den idealisierten Heldengestalten (von Cuza bis Ceau?escu) und den Geschichtsdiskursen nach 1989. Einer schonungslosen Kritik werden etwa die Rückprojektion einer einheitlichen rumänischen Nation in die Geschichte, die nationalkommunistische Erberezeption und der oftmals pathologische Umgang mit dem Fremden - zumal mit den Minderheiten der Roma, Ungarn und Juden - kritisiert. Für das Rumänien der 90er-Jahre konstatiert der Verfasser die fehlende Bereitschaft (auch und gerade unter seinen Historiker-Kollegen) zur Auseinandersetzung mit der kommunistischen Phase und deren punktuelle Idealisierung, die aus dem „Vergessen als Methode" (267) resultiere. Als Grundübel gilt Boia nicht das - schlechterdings unverzichtbare - Vorhandensein nationaler Mythen in seinem Heimatland, sondern die Verhaftung derselben in Deutungsmustern des 19. Jahrhunderts und des Nationalkommunismus - und der damit einhergehende Autochthonismus. Angesichts der gleichermaßen prägnanten wie provokativen Befunde Boias vermag nicht zu überraschen, dass die rumänische Erstauflage heftigen Anfeindungen ausgesetzt war.
Michael Edinger (ME)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
Rubrizierung: 2.62 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Michael Edinger, Rezension zu: Lucian Boia: Geschichte und Mythos. Köln/Weimar/Wien: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/18808-geschichte-und-mythos_21820, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 21820
Rezension drucken
M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
CC-BY-NC-SA