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/ 21.06.2013
Michail Ryklin

Mit dem Recht des Stärkeren. Russische Kultur in Zeiten der "gelenkten Demokratie" Essay. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2006 (edition suhrkamp 2472); 239 S.; 10,- €; ISBN 978-3-518-12472-7
Im Januar 2003 wurde im Moskauer Sacharow-Zentrum die Kunstausstellung „Achtung, Religion!“ eröffnet. Aufgebrachte Kirchenmitglieder stürmten die Ausstellung und zerstörten die Kunstwerke. Doch nicht die Täter sahen sich öffentlicher Ächtung und juristischer Verfolgung ausgesetzt, sondern die Ausstellungsmacher und Künstler. In einem aufsehenerregenden Prozess wurden sie der „Beleidigung der religiösen Gefühle des russischen Volkes“ (73 f.) angeklagt. Ryklin schildert detailliert sowohl die Anklage als auch den Prozessverlauf und beschreibt die an Sowjetzeiten erinnernde Ächtung der zeitgenössischen Kunst sowie die antisemitischen Pöbeleien im Gerichtssaal. Den Vorfall hält er für symptomatisch. Der Einfluss der Russisch-Orthodoxen Kirche innerhalb der Gesellschaft nehme zu und es bilde sich eine Allianz der Kirche und des Geheimdienstes. Nach Ryklins Meinung schwinden demokratische Werte, das Rechtsbewusstsein einer entwickelten Zivilgesellschaft und die Sensibilität für gesetzlich verbriefte Rechte mehr und mehr. Gleichzeitig würden die Menschen gleichgültiger gegenüber sich verstärkenden autoritären Tendenzen, und der Handlungsspielraum für Journalisten, Schriftsteller und Künstler werde immer enger. Als Folge macht er das Schwinden von Zivilcourage, zunehmende Angst und Passivität aus und sieht die Gefahr eines neuen Faschismus russischer Spielart. Die Gesellschaft leide unter ihrer schlecht aufgearbeiteten Vergangenheit. Darin erkennt der Intellektuelle eine „psychotische Einstellung zur Wirklichkeit“. Seit Putins Amtsantritt hätten sich die Russen „auf eine Art imaginäre Reise zurück in die sowjetische Geschichte“ begeben. So habe die Regierung etwa die Sowjethymne wieder belebt. Darin sieht er aber keine Renaissance der Sowjetunion, sondern deren symbolische Wiederkehr. Solange die traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit nicht wirklich aufgearbeitet würden und der Tschetschenien-Krieg nicht beendet sei, werde es keine „zivile Perspektive“ für die russische Gesellschaft geben (15).
Sabine Steppat (STE)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.622.212.23 Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Michail Ryklin: Mit dem Recht des Stärkeren. Frankfurt a. M.: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26527-mit-dem-recht-des-staerkeren_30919, veröffentlicht am 16.08.2007. Buch-Nr.: 30919 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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