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/ 21.06.2013
Boris Schöppner

Nachbeben. Chile zwischen Pinochet und Zukunft. Reportagen und Interviews

Frankfurt a. M.: Trotzdem Verlag 2008 (Chile); 227 S.; kart., 15,- €; ISBN 978-3-86569-920-6
Der Autor möchte die Anekdoten aus dem „widerständigen Alltag“ (8) im Chile der 80er-Jahre vor dem Vergessen bewahren. Dazu schildert er die Erfahrungen von Gewerkschaftlern, Frauenrechtlerinnen, Arbeitern, Musikern, Schriftstellern und ehemaligen Gefangenen. Es sind kleine Geschichten von ganz normalen Menschen, die nachts loszogen, um Parolen gegen die Diktatur an die Wand zu malen und die sich am nächsten Tag ärgerten, weil sie vor lauter Aufregung einen Buchstaben vergessen hatten. Eigentlich auf der Suche nach der Vergangenheit liefert der Autor eine Momentaufnahme des heutigen Chile, dessen Alltag durch den Stress der Geldverdienens und -ausgebens geprägt ist und in dem die Kinder einfach für ein paar Stunden vor dem Fernseher geparkt würden. Nach einer kurzen Chronologie der historischen Ereignisse beginnt Schöppner den ersten Teil des Bandes mit der Betrachtung des Widerstands seit dem 11. September 1973, dem Tag an dem sich das Militär unter Augusto Pinochet an die Macht putschte. Die Erzählungen spannen einen Bogen von den Widerstandshandlungen unmittelbar nach der Erhebung des Militärs über die fast vollständige Zerschlagung des Widerstandes bis hin zu dessen Reorganisation im Exil. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem sozialen Protest der 80er-Jahre, der sich aufgrund der katastrophalen Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Arbeiterviertel formierte. Die Berichte reichen bis in die Gegenwart, in der Mapuche-Indianer mit militanten Aktionen auf sich aufmerksam machen, worin der Autor eine anarchistische Tendenz erkennt. Im zweiten Teil behandelt er spezifische Fragestellungen wie die Erfahrungen von Frauen im Widerstand sowie die Rolle der Verbannten bei der politischen Aufklärung. Besonders vielversprechend ist allerdings seine Untersuchung der Frage, warum die Kommunisten auf Chiloé so viele Gedichte schrieben. Hier fungierte die Kultur als eine Form des chilenischen Widerstandes.
Marinke Gindullis (MG)
Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 2.652.22.222.232.27 Empfohlene Zitierweise: Marinke Gindullis, Rezension zu: Boris Schöppner: Nachbeben. Frankfurt a. M.: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28715-nachbeben_33863, veröffentlicht am 05.08.2009. Buch-Nr.: 33863 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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