/ 05.06.2013
Josette Baer
Politik als praktizierte Sittlichkeit. Zum Demokratiebegriff von Thomas G. Masaryk und Václav Havel
Sinzheim: Pro Universitate Verlag 1998 (Wissenschaftliche Schriften: Politik); 373 S.; brosch., 89,- DM; ISBN 3-932490-35-5Philosophische Diss. Zürich; Erstgutachter: H. Holzhey. - Baer versucht Leben und Wirken des Präsidenten der tschechoslowakischen Republik von 1918 und des amtierenden Präsidenten der tschechischen Republik miteinander zu vergleichen, um dabei insbesondere gemeinsame politisch-ethische und philosophische Grundüberzeugungen herauszufiltern. Dazu ist Masaryk und Havel jeweils ein ausführliches biographisches Kapitel gewidmet, das als Vorbereitung der Untersuchung philosophischer Prägungen und Auffassungen dient. Diese arbeitet Baer anhand der Publikationen der beiden Präsidenten heraus - wobei sie sich auch auf zahlreiche Quellen in der Originalsprache stützt, die jedoch jeweils paraphrasiert bzw. übersetzt werden. Trotz der Unterschiede der persönlichen Herkunft und des politischen Umfelds lassen sich nach Baer gleich eine Reihe tragender Grundgedanken finden, die von beiden geteilt werden: "Ihre Auffassungen von Politik als einem Lebensbereich, in dem ethische Prinzipien ebenso fundamental bedeutend und denk- und realisierbar sind wie in den Bereichen der Kunst, der Wissenschaft, der Wirtschaft und des Privatlebens, findet in den Begriffen 'Anti-Politik' (Havel) und 'apolitische Politik' (Masaryk) ihren Ausdruck. Beide erachten Politik nicht als Domäne des Schmutzigen, nicht als Hort der Lüge und des Betrugs und nicht als Sumpf gewissenlosen Egoismus, sondern als Terrain des realisierbaren, praktischen Humanismus." (14) Bei beiden ergab sich dieser spezielle Politikbegriff aus unmittelbarer persönlicher Erfahrung einer gesellschaftlichen und politischen Krise. Masaryk diagnostizierte allerdings eine Krise der Religion, während Havel von einer Krise der Identität ausgeht. Durch diese verschiedenen Akzente kommen sie auf unterschiedlichen Wegen zu gleichen Ergebnissen: "Während Masaryk die Demokratie als Teilschritt im humanistischen Entwicklungsprozeß der Menschheit ansieht, denkt sie Havel als das bestmögliche, zu präferierende System, welches durch die Garantie von Freiheit die existentielle Verantwortung des Einzelnen am ehesten ermöglicht." (308) Havels und Masaryks Gedanken kreisen dabei nach Baer um die Trias Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - wobei beide letzterem gerade in Situationen der Abwesenheit von Freiheit und Gleichheit besondere Bedeutung zumessen: "Die Brüderlichkeit ist das einzige, was bleibt, wenn Freiheit und Gleichheit schwinden oder noch nicht erlangt sind, und sie bleibt nur, indem sie durch Handeln realisiert wird." (326) Hierin ist also sowohl eine Erklärung für viele politische Streitigkeiten zu sehen, die Masaryk austrug, als auch eine Motivation für das Engagement des Dissidenten Havel. Durch die Rückbindung an das Handeln sei beiden ein gewisser Realismus eigen, der ihre Grundüberzeugungen eben nicht als wirklichkeitsfremde Postulate erscheinen lasse. Unverkennbar macht sich dabei auch ein Eklektizismus deutlich, den Baer abschließend als einen Punkt ihrer Kritik an Masaryk und Havel behandelt. Trotz aller dabei formulierten Einwände identifiziert sie mit ihrer ideengeschichtlichen Studie einen Kernbestand politischen Denkens, der auch für die etablierteren westlichen Demokratien von Interesse sein könnte.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.62 | 2.24 | 2.2
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Josette Baer: Politik als praktizierte Sittlichkeit. Sinzheim: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8653-politik-als-praktizierte-sittlichkeit_11386, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 11386
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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