/ 05.06.2013
Elke Siehl
Privatisierung in Rußland. Institutioneller Wandel in ausgewählten Regionen. Mit einem Geleitwort von Tamás Bauer
Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag 1998 (Gabler Edition Wissenschaft); XX, 402 S.; brosch., 128,- DM; ISBN 3-8244-6849-2Die Privatisierung in Rußland ist nicht allein eine ökonomische Umgestaltung der Verfügungsrechte, sondern politische Ökonomie par excellence. Mit dieser Voraussetzung beginnt Siehl ihre erkenntnisreiche Analyse der russischen Privatisierung, die sie als Teil des gesamtgesellschaftlichen Wandels der Institutionen sieht, wobei die Privatisierung der Indikator für die Veränderung der Verfügungsrechte ist. Deshalb verbindet sie ökonomische und politische Theoriebestände in der Form der Neuen Institutionenökonomie à la Douglass North. Der Ansatz ist erkenntnisreich, weil er die Pfadabhängigkeit des institutionellen Wandels in Rußland anerkennt, eben "daß die Geschichte von Belang ist" (13). Warum die Privatisierung in Rußland ökonomisch nicht effizient verlief und warum ihre Grundziele, nämlich die Depolitisierung der Wirtschaft und die Schaffung effizienter betrieblicher Kontroll- und Lenkungsstrukturen nicht optimal erreicht wurden, läßt sich damit schnell beantworten: Es war politisch nicht durchsetzbar. Erstens mußten die Interessen der alten und neuen Akteure in der Ökonomie und Politik, hier besonders die der De-facto-Anteilseigner der Betriebe berücksichtigt werden. Zusammen mit den alten Beschränkungen der Sowjetzeit und den neu geschaffenen Institutionen entstand ein komplexer Kontext für die Privatisierung, in dem die Interessen ausgehandelt werden. Dieser "politische Kompromiß wurde mit einem hohen ökonomischen Preis bezahlt" (8). Zweitens wird die Privatisierung durch den administrativen Status einer Region und der Priorität ihrer vorhandenen Ressourcen und Wirtschaftssektoren für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung beeinflußt und unterstreicht die Bedeutung des Regionalismus in Rußland. In ihrer empirischen Aufarbeitung der zwei Gebiete Vladimir und Samara sowie der Republik Baskortostan bestätigt Siehl ihre Annahmen. Somit kommt sie zum Ergebnis, daß "die russische Ökonomie weiterhin durch einen Zwittercharakter aus staatlichen und privatwirtschaftlichen Elementen gekennzeichnet" (324) ist und fügt hinzu: "Politischer Wettbewerb ist die Voraussetzung dafür, daß sich das politische Institutionenkalkül nicht allzu weit vom ökonomischen Effizienzkalkül entfernt" (325). Insofern ist die Privatisierung in Rußland abhängig davon, welchen Pfad die Akteure im institutionellen Wandel einschlagen.
Inhaltsübersicht: I. Institutionenwandel und Privatisierung in den Transformationsgesellschaften Osteuropas: 2. Neue Institutionenökonomie als Analyserahmen; 3. Privatisierung in Osteuropa. II. Privatisierung in der Rußländischen Föderation: 4. Die Umgestaltung von Staat und Ökonomie; 5. Phasen und Ergebnisse der Privatisierung in Rußland; 6. Der Privatisierungsprozeß in der Rußländischen Föderation. III. Die regionale Komponente der russischen Privatisierung: 7. Privatisierung in den russischen Regionen: Drei Fallstudien; 8. Fazit: Pfadabhängigkeit der Privatisierung in Rußland.
Wilhelm Johann Siemers (Sie)
Dipl.-Politologe, Journalist, Redakteur der Sprachlernzeitschrift vitamin de, Florenz.
Rubrizierung: 2.62 | 2.262 | 2.2
Empfohlene Zitierweise: Wilhelm Johann Siemers, Rezension zu: Elke Siehl: Privatisierung in Rußland. Wiesbaden: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7977-privatisierung-in-russland_10569, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10569
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Dipl.-Politologe, Journalist, Redakteur der Sprachlernzeitschrift vitamin de, Florenz.
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