Skip to main content
/ 21.06.2013
Jacques Sémelin

Säubern und Vernichten. Die Politik der Massaker und Völkermorde. Aus dem Französischen von Thomas Laugstien

Hamburg: Hamburger Edition 2007; 450 S.; geb., 40,- €; ISBN 978-3-936096-82-8
Sémelin setzt in seinem gründlich recherchierten Werk zwei Schwerpunkte: Zuerst bietet er einen umfassenden interdisziplinär angelegten Vergleich der Massaker in Ruanda, in Bosnien und in Nazi-Deutschland, um zur Erklärung (aber nicht zur Entschuldigung) dieser Völkermorde beizutragen. Demnach beginne die Vernichtungswut in den Köpfen: Durch die Konstruktion einer neuen Identität angesichts erfahrbarer politischer und ökonomischer Rückschläge, des Verlangens nach Reinheit und eines paranoiden Sicherheitsbedürfnisses würden die Grundlagen des Massakers gelegt: die Ausgrenzung des anderen, der nicht dazu gehöre, „Ungeziefer“ sei und eine Bedrohung darstelle. Diese Ideologie greife in einem zweiten Schritt zunächst über Intellektuelle, dann über politische Führer auf die Gesellschaft über. Der dritte Schritt bestehe in der Internationalisierung des Konflikts (hin zum Krieg): Wenn die Weltgemeinschaft keinen Willen zur Intervention entwickle, bestärke dies die Täter und erleichtere das Massaker. Kennzeichnend für das Massaker sei einerseits ein zentraler Impuls: Es ist organisiert. Andererseits sei die Umsetzung flexibel, weil eine Vielzahl von Akteuren mit unterschiedlichen Motiven involviert werde. Am Ende setzt Sémelin mit wissenschaftsmethodologischen Konsequenzen einen zweiten Schwerpunkt: Gegen eine normative (juristische und moralische) Verwendung des Begriffs Völkermord plädiert er für eine sozialwissenschaftliche Differenzierung. Demnach zielen Völkermorde auf Ausrottung, während Massaker die Unterwerfung der Zivilbevölkerung anstreben. Diese Präzision dürfe aber nicht die grundlegende Einsicht verstellen, dass solche Massenmorde nicht vorherzusagen und schon gar nicht völlig zu verstehen seien. Wachsamkeit insbesondere beim Aufkommen von Hassparolen sei geboten.
Volker Stümke (VS)
Dr., evangelischer Theologe, Priv.-Doz. für evangelische Sozialethik, Führungsakademie der Bundeswehr Hamburg.
Rubrizierung: 2.255.444.41 Empfohlene Zitierweise: Volker Stümke, Rezension zu: Jacques Sémelin: Säubern und Vernichten. Hamburg: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28267-saeubern-und-vernichten_33260, veröffentlicht am 07.03.2008. Buch-Nr.: 33260 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA