/ 20.06.2013
Thomas Sokoll (Hrsg.)
Soziale Sicherungssysteme und demographische Wechsellagen. Historisch-vergleichende Perspektiven (1500-2000)
Berlin: Lit 2011 (Geschichte: Forschung und Wissenschaft 32); 304 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-643-10158-7Aufgrund zahlreicher sozialpolitischer Herausforderungen und der sich nur zeitverzögert herauskristallisierenden Probleme, die aus niedrigen Geburtenraten resultieren, ist die demografische Entwicklung erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit (wieder) Gegenstand politischer Diskussionen. Auch in der Wissenschaft hat man das Thema Sozial- und Wohlfahrtsstaat – so der Herausgeber Thomas Sokoll – bis in die 1990er-Jahre „demographisch unbedarft“ (15) untersucht. Der Arbeitskreis Historische Demographie der Deutschen Gesellschaft für Demographie widmet sich dem Problem der Bevölkerungsentwicklung u. a. auf seinen jährlichen Herbsttagungen. Dieser Sammelband enthält die Beiträge der Veranstaltungen aus den Jahren 2007 und 2008. Thematisiert wurde bei beiden Zusammenkünften der Zusammenhang zwischen Demografie und sozialer Sicherung – gerade nicht nur innerhalb eines recht schmalen Zeitfensters, sondern seit 1500, womit die Autoren die „größere historische Tiefe“ (17) dieses Zusammenhangs ausloten. So sollen neue Perspektiven auf das Thema eröffnet werden. Thomas Sokoll greift für seine Langzeituntersuchung Englands (ab 1541) auf bereits früh erstellte Schätzungen sowie Daten zur Entwicklung der Einkommensverteilung zurück, aus denen die langfristigen Verschiebungen im demografisch-ökonomischen Kräftefeld ersichtlich werden. In der Geschichte Englands gab es mehrere demografische Umbrüche, jedoch stellten der sprunghafte Fertilitätsanstieg zu Beginn des 19. Jahrhunderts und die damit einhergehende „Kinderlast“ (55) eine besonders große Herausforderung dar. Da die englische Gesellschaft trotz dieses Problems nicht zusammenbrach, hält Sokoll diese Entwicklung nicht nur historisch für interessant, sondern begreift sie als sozialpolitische Kehrseite der gegenwärtigen Debatte. Auf das Beispiel Frankreich gehen Jérôme Bourdieu, Lionel Kesztenbaum und Gilles Postel-Vinay ein. Sie arbeiten heraus, dass Frankreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die erste alternde Gesellschaft war. Auf die wegen der neuen demografischen Situation eingeführte staatliche Umverteilung (Rentensystem) wurde – nicht anders als heute – mit erbitterten Auseinandersetzungen reagiert. Denn kaum „war die moralische Pflicht oder soziale Notwendigkeit anerkannt, den unglücklichsten Geschöpfen ein minimales Auskommen zu sichern, entbrannte sogleich eine Debatte über die schädlichen Auswirkungen dieser Veränderungen auf die Organisation der Gesellschaft“ (86).
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.2 | 2.262 | 2.61 | 2.4
Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Thomas Sokoll (Hrsg.): Soziale Sicherungssysteme und demographische Wechsellagen. Berlin: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21764-soziale-sicherungssysteme-und-demographische-wechsellagen_42769, veröffentlicht am 03.01.2013.
Buch-Nr.: 42769
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
CC-BY-NC-SA