/ 03.06.2013
Jens Borchert / Stephan Lessenich / Peter Lösche (Bearb.)
Standortrisiko Wohlfahrtsstaat?
Opladen: Leske + Budrich 1997 (Jahrbuch für Europa- und Nordamerika-Studien 1); 314 S.; kart., 48,- DM; ISBN 3-8100-1775-2Nach einer provozierenden Bemerkung des französischen Soziologen Pierre Bourdieu deutet die Verwendung der Begriffe Globalisierung, Flexibilisierung und Standortsicherung auf eine Art "kollektiver Blindheit" in der aktuellen politischen Debatte. So scheint zumal in der Bundesrepublik als nahezu selbstverständlich zu gelten, daß das hiesige System sozialer Sicherung einen gravierenden Standortnachteil der nationalen (?) Ökonomie darstelle. Mit dieser Stereotype setzen sich die Beiträge des ersten vom Zentrum für Europa- und Nordamerika-Studien (ZENS) an der Universität Göttingen herausgegebenen Jahrbuchs kritisch auseinander. Die Beiträge der überwiegend thematisch ausgewiesenen 13 Autoren - sechs von ihnen arbeiten am ZENS - analysieren in vergleichender Perspektive neuere Tendenzen der wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung. Unbeschadet aller Unterschiede in inhaltlichen Einzelfragen - etwa hinsichtlich der Kriterien, an denen ein substantieller Sozialstaatsabbau zu messen wäre - plädieren die Autoren für den Beginn einer seriösen und zugleich empirisch fundierten Diskussion dieses vorgeblichen Gegensatzes. Denn ein "Schluß der Debatte bei gleichzeitiger Festlegung auf die gegenwärtig hegemonialen Interpretationsangebote der Globalisierungstheoretiker würde [...] unsere Zukunftsoptionen entscheidend - aber möglicherweise eben auch völlig unbegründet - einschränken" (26).
Inhalt: Jens Borchert: Einleitung: Von Malaysia lernen? Zum Verfall der politischen Logik im Standortwettbewerb (9-28); Karsten Hülsemann: Review-Essays: Gute Zeiten, schlechte Zeiten: Die Debatte um "Globalisierung" und ihre Folgen (29-49); Stephan Lessenich: Warum ist es am Rhein so schön (gewesen)? Die deutsche Sozialstaatskrise im Kontext (51-72); Martin Seeleib-Kaiser: Der Wohlfahrtsstaat in der Globalisierungsfalle: Eine analytisch-konzeptionelle Annäherung (73-106); Ian Gough: Wohlfahrt und Wettbewerbsfähigkeit (107-140); Stefan Huf: Globaler Sturm im Wasserglas. Zur Unverzichtbarkeit des Sozialstaats in der Moderne (141-164); Georg Vobruba: Sozialpolitik als Integrationsinstrument. Der Zusatznutzen von Sozialpolitik in Europa (165-185); Ernst Kuper: Der Kontrakt des Architekten: Das 'soziale Europa' nach Jacques Delors (187-210); Andreas Falke: Transnationale Kooperation und die Grenzen wohlfahrtsstaatlicher Nivellierung (211-236); Axel Murswieck: Soziale Unsicherheit als Entwicklungsmotor? Die Erfahrungen der USA (237-255); Horst Kern / Philippe Bernoux: Bottom-up oder top-down? Ein deutsch-französischer Dialog über Vertrauen als Innovationsfaktor (257-285); Josef Schmid: Politik mit dem "Dritten Sektor": Zur Effizienz verbandlicher Wohlfahrtspflege (287-312).
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.262 | 3.1 | 2.64 | 4.43 | 2.3
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Jens Borchert / Stephan Lessenich / Peter Lösche (Bearb.): Standortrisiko Wohlfahrtsstaat? Opladen: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/3306-standortrisiko-wohlfahrtsstaat_4325, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 4325
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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