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/ 05.06.2013
Antonin Wagner

Teilen statt umverteilen. Sozialpolitik im kommunitarischen Wohlfahrtsstaat

Bern/Stuttgart/Wien: Verlag Paul Haupt 1999 (Perspektiven der Sozialpolitik 1); 298 S.; 54,- DM; ISBN 3-258-05987-X
Folgt man Esping-Andersens bekannter Unterscheidung dreier wohlfahrtsstaatlicher Regime, so dürfte die Schweiz - trotz erkennbarer korporatistischer Züge - eher dem liberalen Typus mit deutlicher Betonung privater Initiative zugerechnet werden. Der Autor, Sozialökonom der Universität Zürich, hält diese Einstufung für problematisch, weil damit die Spezifik der schweizerischen Sozialpolitik, nämlich das Zusammenspiel von "territorialen Gemeinwesen" (Ortsgemeinde) und "funktionalen Gemeinwesen" (der zumeist genossenschaftlich organisierten Non-Profit-Organisationen) nicht angemessen zur Geltung komme (30 f.). Angesichts einer europaweit zu beobachtenden Zentralisierung sozialer Sicherung (auf welchem Niveau auch immer) habe das eidgenössische Prinzip überschaubarer, auf Reziprozität und Subsidiarität basierender "Risikogemeinschaften vor Ort" geradezu Modellcharakter für die weitere Gestaltung des Sozialraums Europa (174). Ohne sich ausführlich auf die übliche Kommunitarismusdebatte einzulassen, sieht er in dieser institutionellen Hervorhebung der lokalen Ebene die Konturen eines wegweisenden "kommunitarischen Wohlfahrtskapitalismus" (87 ff.). Der Band enthält - teilweise überarbeitete - Abhandlungen des Autors aus den Jahren 1991 bis 1997, die einerseits konzeptuelle Fragen einer "kommunitarischen Sozialpolitik" betreffen (Teil 1 und 2), andererseits wichtige Instrumente (Teil 3) bzw. Akteure (Teil 4) der Schweizer Sozialpolitik behandeln. Aus dem Inhalt: I. Grundlagen: 1. Die Beförderung der gemeinsamen Wohlfahrt; 2. Der kommunitarische Denkansatz in wissenschaftstheoretischer Sicht: A. Das Demarkationsproblem der Wissenschaftstheorie; B. Das wissenschaftliche Paradigma der Sozialökonomik. 3. Grundzüge einer kommunitarischen Sozialpolitik: A. Theoretische Analyse wirtschaftlicher Teilungsvorgänge; B. Teilen als instrumentelles Problem; C. Teilen als institutionelles Problem; D. Teilen als intentionales Problem. II. Kommunitarismus als gesellschaftliches Gestaltungsprinzip: 4. Kommunitarismus und Zivilgesellschaft: A. Gemeinwirtschaftlichkeit als normative Grundlage des Kommunitarismus; B. Die Gewährleistung von Sozialrechten als Gestaltungsprinzip einer kommunitarisch verfassten Gesellschaft; C. Zur Unterscheidung zwischen korporatistischer und kommunitarischer Sozialpolitik. 5. Gemeinnützigkeit und Gewinnstreben: Gegensätzliche oder komplementäre Gestaltungsprinzipien?: A. Harte und weiche Privatisierungsformen; B. Der kommunitarische Handlungsansatz; C. Plädoyer für ein neues Sozialmanagement. III. Instrumente kommunitarischer Sozialpolitik: 6. Wandel der Lebensformen und soziale Sicherheit: Förderung der gemeinsamen Wohlfahrt durch Reformen im Bereich der Sozialversicherung: A. Reform der Alters- und Hinterlassenen­versicherung; B. Revision der Arbeitslosenversicherung; D. Kommunitarismus als Gestaltungsprinzip sozialer Sicherung. 7. Fürsorgeprinzip oder Rechtsanspruch? Die Ausgestaltung der sozialen Mindestsicherung in der Schweiz: A. Stand der sozialen Mindestsicherung in der Schweiz; B. Die Forderung nach einem garantierten Grundeinkommen; C. Die Ausgestaltung der sozialen Mindestsicherung im Rahmen der Sozialhilfe; D. Vom fürsorgerischen Reduit zum europäischen Modellfall. 8. Soziale Mindestsicherung in Europa: Vom gemeinsamen Markt zum europäischen Sozialraum: A. Vergleichende Darstellung der Regime sozialer Mindestsicherung in der Europäischen Gemeinschaft; B. Sozialraum Europa: Gleichschaltung der Grundsi­cherung oder Koordination durch Mindestsicherung?; C. Die Rolle der Schweiz bei der Ausgestaltung des europäischen Sozialraumes. IV. Funktionale und territoriale Gemeinwesen als Träger kommunitarischer Sozialpolitik: 9. Der Nonprofit Sektor in der Schweiz: A. Qualitative Dimension: Entwicklung und Typologie des schweizerischen Nonprofit Sektors; B. Quantitative Dimension: Die wirtschaftliche Bedeutung des Nonprofit Sektors. 10. Die Arbeitsteilung zwischen öffentlichen und privaten Trägern im schweizerischen Sozialwesen: A. Die Rechtsform und die Rolle privater Träger im Sozialwesen der Schweiz; B. Die wirtschaftliche Bedeutung der privaten Träger des Sozialwesens; C. Die Arbeitsteilung des Sozialwesens im internationalen Vergleich. 11. Zur Rolle gemeinwirtschaftlicher Träger in der Gesundheitspolitik: A. Strukturen und Funktionsweise des schweizerischen Gesundheitswesens; B. Die Entwicklung des Krankenkassenwesens und die Revision des Krankenversicherungsgesetzes (KVG); C. Die Bedeutung der KVG-Revision für ein effizientes Gesundheitswesen; D. Die Bedeutung der KVG-Revision für ein soziales Gesundheitswesen; E. Schlussbetrachtung: individuelle Prämienverbilligung als Testfall einer kommunitarischen Sozialpolitik.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.2622.53.52.22 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Antonin Wagner: Teilen statt umverteilen. Bern/Stuttgart/Wien: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8093-teilen-statt-umverteilen_10700, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 10700 Rezension drucken
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