/ 04.06.2013
Klaus Hüfner / Jens Martens
UNO-Reform zwischen Utopie und Realität. Vorschläge zum Wirtschafts- und Sozialbereich der Vereinten Nationen
Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2000 (Internationale Beziehungen 6); 277 S.; brosch., 89,- DM; ISBN 3-631-44783-3Hüfner und Martens setzen mit ihrer Geschichte der Reformvorschläge für den Wirtschafts- und Sozialbereich der Vereinten Nationen bewusst einen Gegenpunkt zur alleinigen Konzentration auf die Frage nach einem ständigen Sitz Deutschlands im Sicherheitsrat, wenn es um Reformüberlegungen und die Rolle der Bundesrepublik geht: "Denn die Bereitschaft, mehr Verantwortung in den Vereinten Nationen übernehmen zu wollen, bezieht sich im VN-System vor allem auf den entwicklungspolitischen Bereich im Rahmen einer neuen Welthandels- und Weltwährungsordnung." (VI) Die Darstellung wertet eine beeindruckende Fülle von Materialien aus fünf Jahrzehnten aus. Hüfner und Martens strukturieren die Reformvorschläge zunächst nach "Autorenschaft": Vorschläge aus dem System der Vereinten Nationen selbst, Vorschläge nationaler Vertreter und Institutionen sowie schließlich Vorschläge von Vertretern privater Institutionen. Die sich daraus ergebenden unterschiedlichen Kontexte werden in der Analyse durchweg als verständniserweiternde Variable mit eingebracht: "Beispielsweise macht es einen Unterschied, ob der gleiche Vorschlag zur Reduzierung des VN-Personals von einem VN-internen Organ wie der Joint Inspection Unit (JIU) stammt oder von einem national-konservativen Interessenverband wie der US-amerikanischen Heritage-Foundation." (7) Die Autoren systematisieren die Reformvorschläge dann noch nach der Reformebene: administrative und organisatorische, strukturelle, institutionelle sowie schließlich konstitutionelle und "kognitive" Reformen werden unterschieden. Die eigentliche Darstellung geht dann chronologisch vor und schildert die Reformdebatten für einzelne Jahrzehnte, wobei gleichzeitig der jeweilige "Ist-Stand" in Erinnerung gerufen wird. Nicht selten erscheinen dabei gerade "alte" Vorschläge höchst aktuell beziehungsweise es zeigt sich, dass einige "neuere" Ideen mit nahezu kontinuierlichen Leitmotiven der Reformdiskussion verbunden werden können. Die Spannbreite des Materials reicht von Vorschlägen Albert Einsteins aus dem Jahre 1947 über die Reform-Studie des "Committee of 14" (1966), den Brandt-Bericht (1979), die Vorschläge der Carter-Administration (1978), den Bertrand-Bericht (1985) oder die Initiative Michail Gorbatschows (1987) bis hin zur Agenda für Entwicklung Boutros Ghalis (1994), um nur einige zu nennen. Als dauerhafte Charakteristika der unterschiedlichen Vorschläge durch die Jahrzehnte lässt sich festhalten, dass zunächst einmal die permanente Reform der Normal-Zustand der UNO zu sein scheint, dass zweitens auch in diesem Bereich den Impulsen und Imponderabilien aus den USA große Bedeutung zukommt, drittens politische Divergenzen nicht mit verwaltungstechnischen Umstellungen aufgelöst werden können und viertens die von Hüfner und Martens beschriebenen Strukturen von "financial power" und "veto power" umfassende Reformbemühungen regelmäßig relativieren beziehungsweise ganz verhindern. Im Anhang finden sich einige Schaubilder und Organigramme zu den besprochenen Strukturen und Änderungsmodellen.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 4.3
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Klaus Hüfner / Jens Martens: UNO-Reform zwischen Utopie und Realität. Frankfurt a. M. u. a.: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4711-uno-reform-zwischen-utopie-und-realitaet_15503, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 15503
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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