/ 04.06.2013
Dieter Senghaas
Zivilisierung wider Willen. Der Konflikt der Kulturen mit sich selbst
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1998; 229 S.; 18,80 DM; ISBN 3-518-12081-6Handelt es sich bei Kulturen bzw. Kulturkreisen um monolithische Gebilde? Senghaas stellt dies im ersten Teil des Buches in Frage und weist auf die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtungsweise in der internationalen Diskussion hin. "Insbesondere zeigt sich, daß die Werteprofile in Gesellschaften vergleichbaren Entwicklungsniveaus quer durch alle Kulturkreise eher ähnlich als unterschiedlich sind, der entscheidende Faktor für das jeweilige Werteprofil nicht also die angestammte Kultur des jeweiligen Kulturkreises ist, sondern das jeweils erreichte Entwicklungsniveau." (17) Wenn die Konfliktlinien zwischen Gesellschaften nicht mit deren "kulturellen Außengrenzen" übereinstimmen, dann müssen auch Prognosen über einen drohenden internationalen Kulturkampf, wie er vor allem von Johan Galtung und Samuel Huntington prognostiziert wurde, neu bewertet werden (7). Senghaas arbeitet im zweiten Teil Alternativen zu diesen kulturessentialistischen Annahmen (20) heraus und stellt "[z]eitgemäße Illustrationen zu einem abgestuften Begriff von 'Kulturkampf'" (24) vor. Im dritten Teil plädiert der Autor für eine Reorientierung des interkulturellen Dialogs (24). Aus der Geschichte Europas lassen sich – mit Hilfe des von Senghaas entworfenen zivilisatorischen Hexagons – hilfreiche Lehren für die Bewältigung kulturbedingter Konflikte der Gegenwart ziehen, wenn sie in ihrer ganzen Komplexität betrachtet werden und nicht einem essentialistischen Weltbild anheimfallen (219). "Indem weltweit Kultur jeweils kontrovers wird, besteht zum ersten Mal die Chance, daß aufbauend auf selbstreflektiven Kulturen der Kulturdialog wirklich international wird." (220) Senghaas stellt die Notwendigkeit der Entstehung von Konfliktbearbeitungsmechanismen für moderne ausdifferenzierte Gesellschaften heraus. Die Bewältigung zunehmender gesellschaftlicher Konflikte, des "modernen Chaos", der "großen Unruhe" (32) kann als ein Prozeß der Zivilisierung wider Willen interpretiert werden, da sich Prinzipien wie z. B. das der Rechtsstaatlichkeit, demokratischen Teilhabe und der Verteilungsgerechtigkeit durch Ausscheidungskämpfe innerhalb sog. Kulturkreise herausbilden. Somit wären pluralistische, tolerante Gesellschaften das Ergebnis mühsamer kollektiver Lernprozesse (33 ff.).
Thomas Morick (TM)
Dipl.-Politologe.
Rubrizierung: 4.43 | 4.42 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Thomas Morick, Rezension zu: Dieter Senghaas: Zivilisierung wider Willen. Frankfurt a. M.: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/5659-zivilisierung-wider-willen_7367, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 7367
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