Skip to main content
/ 22.06.2013
Rainer Hering

"Aber ich brauche die Gebote ..." Helmut Schmidt, die Kirchen und die Religion

Bremen: Edition Temmen 2012 (Studien der Helmut und Loki Schmidt-Stiftung 8/9); 280 S.; geb., 19,90 €; ISBN 978-3-8378-2014-0
Auch wenn Helmut Schmidt eher als rational eingestellte, norddeutsche und die diesseitige Nüchternheit betonende Persönlichkeit gilt, ist er – nicht nur – als Bundeskanzler bei genauerem Hinsehen Kirche und Religion verbunden gewesen. Diese Verbundenheit ist nach Ansicht von Hering einerseits auf einer politisch-offiziellen Ebene zu suchen: „Über den institutionalisierten Katholizismus und Protestantismus liefen viele Kontakte in die DDR, wurden Informationen über die Lage vor Ort ausgetauscht und politische Signale gesendet, die auf offiziellen Kanälen nicht hätten kommuniziert werden können. Die kirchliche Ebene bot die Möglichkeit, das Terrain für politische Schritte im Vorwege zu sondieren und Reaktionen einzuholen, ohne dass sich eine Seite offiziell festlegen musste“ (12 f.). Andererseits findet sich auch eine persönlich-menschliche Ebene zwischen Christentum und Bundeskanzler, denn Schmidt hat trotz der vorhandenen grundsätzlichen Distanz zur Kirche eine intensive Korrespondenz mit geistlichen Intellektuellen gepflegt, an Diskussionen und öffentlichen Kirchenveranstaltungen teilgenommen und sich für die moralische Begründung religiöser Fragen interessiert. Vor allem das enge Vertrauensverhältnis zum evangelisch-lutherischen Bischof Otto Wölber und die Gespräche mit den katholischen Gelehrten Oswald von Nell-Breuning, Julius Döpfner und den Bischöfen Franz Hengsbach und Franz König hebt Hering in seiner Untersuchung hervor. Obgleich diese zweite Ebene nicht vollständig mit den ausgewerteten Quellen erforscht werden kann, zeigt die Arbeit doch, dass Helmut Schmidts persönliches Verhältnis zur Kirche und zum Glauben komplexer ist als zunächst angenommen werden könnte und dass es sich über die Zeit veränderte. Für seine Untersuchung hat der Autor die zahlreichen Veröffentlichungen Helmut Schmidts, Interviews, das umfangreiche Privatarchiv, das FES-Archiv, SPD-Vorstandsakten (vor allem der Kirchenreferate) sowie etliche Nachlässe (u. a. Herbert Wehner und Willy Brandt) gesichtet und kann dadurch Licht in ein bisher kaum erforschtes Feld bringen.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.352.32.3132.314 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Rainer Hering: "Aber ich brauche die Gebote ..." Bremen: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35223-aber-ich-brauche-die-gebote-_42416, veröffentlicht am 16.08.2012. Buch-Nr.: 42416 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA