/ 22.06.2013
Ingo Zimmermann
Am Ende. Postphilosophisches Denken. Heidegger – Marx und die Occupy-Bewegung
Essen: Die Blaue Eule 2012; 66 S.; 10,- €; ISBN 978-3-89924-336-9Dem Autor gelingt mit diesem Essay die Kombination eines vielversprechenden Titels mit einer spannenden und engagierten Argumentation, die zudem noch von höchster Aktualität ist. Wie der Haupttitel schon andeutet, ist für Zimmermann zunächst einmal in der derzeitigen Situation vieles am Ende: linke und rechte Utopien, wie sie zuletzt der Kommunismus sowie der Neoliberalismus dargestellt haben, und auch die Philosophie. Denn Letztere könne angesichts eines Verschwindens des Subjektes und des Verzichtes auf Gesellschaft – beide Thesen bespricht der Autor anhand der Theorien von Heidegger und Marx – keine Impulse mehr geben. Damit verbunden sei das Ende der Geschichte. Zwar gehe die Zeit immer weiter, aber es bestehe eine ständige Reproduktion des Immergleichen. Dieses trübselige Bild werde noch dadurch verstärkt, dass sich Lethargie und Gleichgültigkeit in der Gesellschaft eingestellt haben. Zimmermann versucht diesen Zustand, der wie eine totale Ausweglosigkeit aussieht, zu retten, indem er für ein postphilosophisches Denken plädiert. Anstatt wie die traditionelle Philosophie auf eine Utopie (einem Denken „Wofür?“) zu setzen, zeichne sich das Postphilosophische durch ein Denken als Protest und Widerstand (einem Denken „Wogegen?“) aus. Dieses neue Denken sei politisch, praktisch, empirisch und methodisch zu verstehen. Das Methodische liege darin, die Bedingungen der Möglichkeit gesellschaftlicher Praxis aufzuzeigen und damit zugleich ein „imperatives, aufforderndes Denken“ (46) zu bewirken. Das postphilosophische Denken nehme zudem seinen Ursprung aus der empirischen Analyse der Gegenwart. Hieraus wird das Wogegen des Denkens inhaltlich gefüllt. Es richte sich gegen „Unterdrückungsmechanismen und Herrschaftsverhältnisse“ (47), womit das postphilosophische Denken eine „Waffe im Kampf gegen Unterdrückung und Entfremdung, gegen Marginalisierung und Ausgrenzung“ (47) sei. Beispielhaft für den Protest aus einem postphilosophischen Denken heraus sind für Zimmermann die spanische Widerstandsbewegung „Movimiento 15-M“ sowie die Occupy-Bewegung, die sich gegen die neoliberale Hegemonie wehre. Dass sich die Frage der Motivation zum Mitmachen und die Frage der Dauerhaftigkeit solch eines Protestes angesichts eines bloßes Dagegen und damit in Ermangelung eines konkreten konstruktiven Gesellschaftsbildes stellen, ist dem Autor bewusst. Doch gerade darin erkennt er den Vorteil, dass das postphilosophische Denken keine totalitären Auswirkungen zeitigen könne, wie es für Utopien häufig der Fall gewesen sei. Angesichts der derzeitigen Situation kommt der Autor zu dem Schluss: „Es bleibt zu wünschen, dass unruhige Zeiten anbrechen“ (64).
Jan Achim Richter (JAR)
Dipl.-Politologe, Doktorand, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42 | 5.33
Empfohlene Zitierweise: Jan Achim Richter, Rezension zu: Ingo Zimmermann: Am Ende. Essen: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35025-am-ende_42146, veröffentlicht am 07.06.2012.
Buch-Nr.: 42146
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
Dipl.-Politologe, Doktorand, Universität Hamburg.
CC-BY-NC-SA