/ 21.06.2013
Manuel Knoll
Aristokratische oder demokratische Gerechtigkeit? Die politische Philosophie des Aristoteles und Martha Nussbaums egalitaristische Rezeption
München: Wilhelm Fink Verlag 2009; 325 S.; 39,90 €; ISBN 978-3-7705-4858-3Im Rahmen der neueren Debatte über Fragen der sozialen Gerechtigkeit nimmt die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum eine ebenso eigenwillige wie profilierte Stellung ein. Ihre Position eines „aristotelischen Sozialdemokratismus“ verbindet Argumente des an Rawls geschulten Egalitarismus mit der Perspektive einer inhaltlich starken Konzeption des Guten, wie sie von der antiken Philosophie – namentlich Aristoteles – entwickelt worden ist. Gewiss gehört der Neo-Aristotelismus zu jenen Strömungen innerhalb der politischen Philosophie, die sich für ein normatives Politikverständnis stark machen – doch Aristoteles als Ahnherren einer Tradition auszugeben, die vereinbar wäre mit modernen Prinzipien einer demokratischen, dem Gleichheitsgrundsatz verpflichteten Politik, ist für Knoll eine Fehlinterpretation, die den engen Zusammenhang „zwischen Aristoteles' Lehre von der Verteilungsgerechtigkeit und seiner Lehre von den Verfassungen“ (22) übersieht. Der Autor möchte mit seiner sorgfältig gearbeiteten Studie einen Beitrag zur Aktualität der politischen Philosophie von Aristoteles leisten – gerade auch durch Korrekturen an den aristotelischen Diskursen der zeitgenössischen politischen Theorie. Im ersten Teil entwickelt er, ausgehend von dessen anthropologischen Prämissen einer natürlichen Ungleichheit, Aristoteles' letztlich aristokratisches Politikmodell, das seinen Ausdruck gleichermaßen im Vorrang der Politie (als Herrschaft der Besten) gegenüber der Demokratie wie in der Unterschiede einer hierarchisch gegliederten Ständegesellschaft spiegelnden Gerechtigkeitskonzeption findet. Im zweiten Teil befasst sich der Autor mit einer kritischen Erörterung der Aristoteles-Interpretation Nussbaums; das betrifft zentral ihre Konzeption menschlicher Fähigkeiten (capabilities approach), deren Entfaltung oberstes Ziel einer gerechten Politik sein müsse. Abschließend resümiert Knoll seine Überlegungen mit Blick auf die aktuelle Auseinandersetzung zwischen Egalitaristen und Non-Egalitaristen.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42 | 5.31 | 5.46
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Manuel Knoll: Aristokratische oder demokratische Gerechtigkeit? München: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31185-aristokratische-oder-demokratische-gerechtigkeit_37089, veröffentlicht am 28.01.2010.
Buch-Nr.: 37089
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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