/ 21.06.2013
Ralph Hartmann
DDR-Legenden. Der Unrechtsstaat, der Schießbefehl und die marode Wirtschaft
Berlin: edition ost 2009; 223 S.; brosch., 14,90 €; ISBN 978-3-360-01804-5Der Autor hat Essays der vergangenen fünf Jahre zusammengetragen, in denen er sich mit dem Umgang mit der DDR-Vergangenheit und deren „Abwicklung“ beschäftigt. Die im ersten Teil gruppierten Aufsätze zu den Themen Unrechtsstaat, Schießbefehl und marode Wirtschaft haben es in sich und das nicht nur, weil sie im Buchtitel unter dem Etikett der Legende firmieren. Bereits im Vorwort deutet sich der Ton der Texte an, wenn Hartmann vorschlägt, dass der Bundesnachrichtendienst infolge seiner Allgegenwart in der Gesellschaft in das wiederaufgebaute Berliner Stadtschloss ziehen sollte. Aber auch inhaltlich gerät der Autor leicht auf Abwege. Sein Beitrag zur DDR als Unrechtsstaat handelt höchstens im Nebensatz von der DDR. Tatsächlich diskutiert er der DDR vorgeworfene Parallelen zum NS-Regime, die freilich kaum haltbar sind und verweist auf personelle Kontinuitäten von der NS-Zeit in der Bundesrepublik. Seine Aussagen zur Wirtschaftskraft der DDR entbehren zudem nicht einer gewissen Komik. Tatsächlich stellt Hartmann richtig dar, dass die DDR bis 1989 in einem wirtschaftlichen Aufschwung begriffen war. Wenn er also betont, dass die DDR „keinesfalls vor einem baldigen Zusammenbruch stand“ (40), verschweigt er geflissentlich die Exportorientierung der DDR-Wirtschaft. Deren Absatzmarkt im Gebiet der RGW begann sich aber bereits in der 80er-Jahren aufzulösen. Auch die sogenannte Gestattungsproduktion bleibt unerwähnt, durch die die DDR zur Billiglohn-Werkbank des Westens wurde, von den Folgen dieses Raubbaus für die Umwelt und Versorgung der Bevölkerung ganz zu schweigen. Und so zog es die aus der DDR fliehende Bevölkerung auch nach Ansicht des Autors weniger in „Freiheit und Demokratie“, sondern in das „bundesdeutsche Wirtschaftswunderland“ (28). Der Mauerbau, heißt es im entsprechenden Aufsatz, sei alternativlos gewesen, man hätte bei einem Kollaps der DDR „einen militärischen Konflikt“ (29) riskiert, zudem habe es einen Schießbefehl nie gegeben. Die ideologiefreie Mehrheit deutscher Historiker würde dies freilich anders formulieren.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.314 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Ralph Hartmann: DDR-Legenden. Berlin: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30630-ddr-legenden_36376, veröffentlicht am 24.07.2009.
Buch-Nr.: 36376
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Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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