/ 11.06.2013
Der Hitler-Mythos
Ian Kershaw
Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung. Aus dem Englischen von Klaus Kochmann und Boike Rehbein
Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1999; 396 S.; ISBN 3-421-05285-9Kershaw beschreibt seine Intention wie folgt: "[E]s geht im Buch weniger darum, wie Hitler wirklich war, als darum, was er für Millionen Deutsche zu sein schien. In diesem Kontext versucht es, als eine Untersuchung im Bereich der politischen Imagologie, zu zeigen, wie der 'Hitler-Mythos' - womit ich ein 'heroisches' Image und eine volkstümliche Wahrnehmung Hitlers meine, die ihm größtenteils krass von der Wirklichkeit abweichende Eigenschaften und Motive zuschrieben - seine essentielle integrati...
Ian Kershaw
Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung. Aus dem Englischen von Klaus Kochmann und Boike Rehbein
Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1999; 396 S.; geb., 42,- DM; ISBN 3-421-05285-9Kershaw beschreibt seine Intention wie folgt: "[E]s geht im Buch weniger darum, wie Hitler wirklich war, als darum, was er für Millionen Deutsche zu sein schien. In diesem Kontext versucht es, als eine Untersuchung im Bereich der politischen Imagologie, zu zeigen, wie der 'Hitler-Mythos' - womit ich ein 'heroisches' Image und eine volkstümliche Wahrnehmung Hitlers meine, die ihm größtenteils krass von der Wirklichkeit abweichende Eigenschaften und Motive zuschrieben - seine essentielle integrative Funktion ausfüllte, dem Regime die Grundlage der Massenunterstützung zu liefern. Das Buch soll die wichtigsten Fundamente des 'Hitler-Mythos' freilegen; auf welcher Grundlage er errichtet und wie er instand gehalten wurde. Damit sucht es, die Hauptelemente des Konsenses herauszuarbeiten, die der 'Hitler-Mythos' verkörperte, und schließlich die Konsequenzen darzustellen, die der 'Hitler-Mythos' für die Durchsetzung der ideologischen Ziele des Nationalsozialismus hatte." (15) Kein Zweifel, daß Kershaw seine Absicht gelungen ist. Er stellt fest: Es lag nicht ursprünglich in der Absicht Hitlers, einen Führerkult um seine Person aufzubauen. Er hat allerdings den Erwartungen in der Bevölkerung mehr entsprochen als ein anderer Politiker. In der Öffentlichkeit wurde Hitler erst nach seiner Ernennung zum Reichskanzler zum "Führer". Reichspropagandaminister Goebbels erhob diesen Kult zum Machtprinzip, einerseits aus persönlicher Verehrung für Hitler, andererseits aus der klaren Erkenntnis heraus, daß die NSDAP keineswegs mit Hitler gleichgesetzt wurde und die Akzeptanz des Nationalsozialismus in Deutschland mit der Person Hitlers stand oder fiel. Bis 1939 stieg die Bedeutung des "Hitler-Mythos" und damit auch die Überzeugung in der Bevölkerung, Hitler könne alle innen- und außenpolitischen Probleme lösen. Erst nach Kriegsbeginn erlitt Hitlers persönliches Ansehen Einbußen. Nach dem Fall von Stalingrad wuchs die Kritik, die allerdings nicht in eine breite, offene Ablehnung umschlug. In diesem Zusammenhang verweist Kershaw auf die Wirkung der angloamerikanischen Flächenbombardements: Sie besaßen zwar keine kriegsentscheidende Wirkung, weil sie die deutsche Industrieproduktion nicht nachhaltig genug stören konnten, aber die strategische Bombardierung ließ keineswegs eine "Jetzt erst recht"-Stimmung entstehen. Statt dessen flüchteten sich - so interpretiert Kershaw die SD-Berichte und deren Auswertung - die "Volksgenossen" in eine Art innere Emigration. Ein wichtiger Aspekt des "Hitler-Mythos" ist, daß Hitler in der Öffentlichkeit kaum mit der Vernichtung der Juden in Verbindung gesehen wurde. Hitler vermied es, abgesehen von einigen eindeutigen Äußerungen, seine Verantwortlichkeit herauszustellen, wie er es ebenso vermied, sich mit dem brutalen Antisemitismus der "alten Kämpfer" zu identifizieren, um den Kult um seine Person in der Bevölkerung nicht zu belasten. Denn, so zeigen es die SD-Berichte, trotz eines sicherlich latenten Antisemitismus in allen Gesellschaftsschichten bestand eine merkliche Ablehnung gegenüber den Aktionen der Partei.
Inhaltsübersicht: 1. Der Aufbau des "Hitler-Mythos" 1920-1940; 2. Der Verfall des "Hitler-Mythos"; 3. Der "Hitler-Mythos" und der Weg zum Völkermord.
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.312
Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Ian Kershaw: Der Hitler-Mythos. Stuttgart: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10029-der-hitler-mythos_11862, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 11862
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Dr., Historiker.
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