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/ 06.06.2013
Andreas Malycha

Die Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR 1970 bis 1990. Zur Geschichte einer Wissenschaftsinstitution im Kontext staatlicher Bildungspolitik

Leipzig: Akademische Verlagsanstalt 2008 (Beiträge zur DDR-Wissenschaftsgeschichte. Reihe C: Studien 1); 394 S.; hardc., 39,- €; ISBN 978-3-931982-55-3
Die Arbeit der 1970 als außeruniversitäre Wissenschaftsinstitution gegründeten Akademie der Pädagogischen Wissenschaften habe sich wie alle anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen in der DDR in spezifischen Organisationskriterien, Wahrnehmungsrastern, Sichtweisen, Argumentationsmustern und Ausdrucksformen bewegt, schreibt Malycha in dieser umfassenden Darstellung. Fernab eines westlichen Wissenschaftsverständnisses sei dieser Wahrnehmungsrahmen von der SED vorgegeben worden – die Wissenschaft hatte nach den verbindlichen Vorgaben der marxistisch-leninistischen Gesellschaftstheorie eine „horizontale Theorieproduktion“ zu betreiben. Entsprechend sei die Akademie gehalten gewesen, aus dem Marxismus-Leninismus „Erkenntnisse für die Gestaltung erzieherischer Einwirkungen auf die Schuljugend“ (363) abzuleiten. Malycha stellt damit eine ausdrückliche Fixierung dieser Einrichtung, die direkt dem Ministerium für Volksbildung unterstellt war, auf die schulpolitische Praxis fest. Eine kritische Prüfung dieser Praxis war damit nicht verbunden, wie die Publikationsverbote für Bücher der Bildungssoziologie belegen. So wurden in den 70er-Jahren Studien unter Verschluss gehalten, in denen empirisch nachgewiesen wurde, dass das Bildungssystem der DDR wie in den westlichen Industriestaaten soziale Ungleichheit reproduzierte. Die Führungselite der SED habe dieses unbequeme Wissen schlicht nicht zur Kenntnis nehmen wollen, so der Autor, und es nicht einmal als „Herrschaftswissen zu nutzen“ (293) gewusst. Entsprechend sei ein Beitrag der Akademie zur Theorieentwicklung oder gar ein Paradigmenwechsel schlicht unerwünscht gewesen. Durch die erzwungene Isolierung vom internationalen Diskurs und die Orientierung an der Sowjetpädagogik sei die wissenschaftliche Pädagogik in der DDR provinzialisiert worden, so Malycha in seinem Fazit. Der SED sei es gelungen, ein neues, systemgemäßes Verständnis von Wissenschaft durchzusetzen – diese Verkürzung sei auch intern in der Akademie nicht infrage gestellt worden.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Andreas Malycha: Die Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR 1970 bis 1990. Leipzig: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9107-die-akademie-der-paedagogischen-wissenschaften-der-ddr-1970-bis-1990_37564, veröffentlicht am 28.01.2010. Buch-Nr.: 37564 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA