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/ 22.06.2013
Marcus Sonntag

Die Arbeitslager in der DDR

Essen: Klartext 2011; 407 S.; brosch., 29,95 €; ISBN 978-3-8375-0477-4
Geschichtswiss. Diss. Erfurt; Gutachter: G. Mai, A. Lüdtke. – Die DDR war, so Sonntag, eine „Diktatur der Grenzen“ (12), in der einige Möglichkeiten zur Bildung bestimmter Subkulturen und Subsysteme durchaus verblieben. Dieses Ergebnis wird bereits eingangs als These formuliert, die Sonntag mithilfe seiner Studie über die Arbeitslager in Unterwellenborn, Sollstedt und Regis belegt. Dabei geht er von einer dynamischen Herrschaft in den Arbeitslagern aus, deren Verhältnis sowohl vom Herrschenden als auch vom Beherrschten beeinflusst werden konnte. Rechtliche Basis war die vom Chef der Vollzugsverwaltung, Werner Gentz, vorgeschlagene und vom Alliierten Kontrollrat beschlossene „Reform des Strafvollzuges“ von 1945. Sie sah u. a. die Erziehung der Inhaftierten, ihre bessere Behandlung sowie ihren Einsatz in Wirtschaftsbetrieben vor. Anschließend zeichnet Sonntag ein detailliertes Bild vom Arbeits- und Lageralltag der Gefangenen. Auf Grundlage der (in Teilen wieder zurückgenommenen) theoretischen Vollzugsreform, aber auch nach der Rekonstruktion des realen Lagerlebens ist nach Ansicht Sonntags die Situation der Inhaftierten keinesfalls ein ostdeutscher Sonderweg; schon gar nicht sind die DDR-Arbeitslager auf eine Stufe mit den KZs der Nazis oder dem sowjetischen Gulag zu stellen; vielmehr lassen sich die Bedingungen der in der DDR Gefangenen (nicht aber der Grund für die Gefangennahme!) mit denen in anderen westeuropäischen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichen. Obgleich der Autor im Fach Geschichte promoviert wurde, ist seine Dissertation auch aus politikwissenschaftlicher Sicht wertvoll: unter anderem natürlich aufgrund seiner (sicherlich nicht unumstrittenen) Schlussfolgerung über das diktatorische Ausmaß des politischen Systems der DDR, aber auch wegen der detaillierten Rekonstruktion der Situation in den Arbeitslagern. Theoretiker dürfte insbesondere auch die quellengesättigte, ideengeschichtliche Abhandlung über den Stellenwert der Arbeit interessieren.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Marcus Sonntag: Die Arbeitslager in der DDR Essen: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33682-die-arbeitslager-in-der-ddr_40341, veröffentlicht am 13.04.2011. Buch-Nr.: 40341 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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