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/ 22.06.2013
Thomas Schaufuß

Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR. Sozialtourismus im SED-Staat

Berlin: Duncker & Humblot 2011 (Zeitgeschichtliche Forschungen 43); XXIV, 469 S.; 38,- €; ISBN 978-3-428-13621-6
Schaufuß hat als „politisch interessierter Zeitzeuge [...] die Kraftanstrengung“ (227) auf sich genommen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen – dem Geleitwort von Klaus Schröder, wissenschaftlicher Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU Berlin, ist zu entnehmen, dass der Autor selbst mehrere Jahre gastronomischer Leiter eines FDGB-Ferienheimes in Oberwiesenthal im Erzgebirge war. Da dieses Ferienheim im Zentrum der als wissenschaftliche Arbeit angelegten Untersuchung steht, ist es bedauerlich, dass Schaufuß seine persönlichen Erfahrungen in dieser Funktion nicht explizit macht. Über weite Strecken wünscht man sich beim Lesen ohnehin, er hätte einen persönlichen Erfahrungsbericht verfasst und damit unmittelbarere Einblicke gewährt als dies der umfangreiche Dokumentenanhang zulässt. Schaufuß hat sich aber entscheiden, die politische Rolle des gewerkschaftlichen Feriendienstes zu untersuchen. Im Hintergrund steht die These, dass der Tourismus für die Akzeptanz des Herrschaftssystems bedeutend war. Dargestellt werden die Geschichte des Feriendienstes sowie die Verquickung von Politik, Freizeit und Urlaub in der DDR. Eine der zentralen Thesen, die DDR habe Praktiken des NS-Regimes fortgeführt, bleibt allerdings nicht überzeugend mit Argumenten versehen im Raum stehen – zumal der Autor selbst darauf hinweist, dass die DDR auch in Angebot und Ausgestaltung des Tourismus dem sowjetischen Vorbild nacheiferte. Seine These von der Kontinuität diktatorischer Praktiken scheint zumindest teilweise, ebenso wie die überaus kritische Darstellung etwa von Gastronomie, Personal- und Kulturpolitik im Fallbeispiel, den persönlichen Erfahrungen des Autors geschuldet (die man, wie gesagt, gerne erfahren hätte). Nicht verschwiegen werden sollte außerdem, dass der Historiker Christoph Kopper, Universität Bielefeld, Schaufuß vorwirft, nicht alle aus anderen Studien verwendete Passagen kenntlich gemacht zu haben. Vor allem aus der Dissertation von Andreas Stirn, „Traumschiffe des Sozialismus“, werde mehrfach ohne Quellenangabe zitiert, der Autor an den bezeichneten Stellen dann aber eher polemisch behandelt (siehe Archiv für Sozialgeschichte, 19.01.2012). Ohnehin ist Schaufuß’ nicht immer ausreichend differenzierte Studie angesichts der bereits vorhandenen Forschungsliteratur nur eingeschränkt zu empfehlen, gleichwohl bietet sie einen Einblick in die Ausgestaltung der Ferien in der DDR.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Thomas Schaufuß: Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR. Berlin: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34605-die-politische-rolle-des-fdgb-feriendienstes-in-der-ddr_41576, veröffentlicht am 29.03.2012. Buch-Nr.: 41576 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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