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/ 22.06.2013
Hanning Voigts

Entkorkte Flaschenpost. Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno und der Streit um die Neue Linke

Berlin: Lit 2010 (Politische Theorie 11); 197 S.; 24,90 €; ISBN 978-3-643-10386-4
Die Literatur zur Geschichte der Studentenbewegung ist Legion, die zum Verhältnis der Väter – oder besser der Großväter – zu den Söhnen dagegen überschaubar. So ist es das Anliegen des Autors, die Exponenten der Kritischen Theorie – Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse – und ihre voneinander differierenden Stellungnahmen zur Studentenbewegung in Deutschland zu untersuchen. Zunächst wird dazu die Verbindung des remigrierten Instituts für Sozialforschung zur Studentenbewegung analysiert sowie deren Eskalation, die zugleich einen Graben zwischen Marcuse und Adorno aufriss. Es folgen öffentliche wie private Standpunkte beider Theoretiker, bei denen deutlich wird, dass Adorno der Studentenbewegung öffentlich wesentlich kritischer gegenübertrat als er dies im Briefwechsel mit Marcuse tat. Den Versuch der Befreiung, den Marcuse in der Studentenbewegung sah, konnte Adorno nicht erkennen. Er betrachtete den studentischen Aktionismus als reale Gefahr für die Stabilität der Demokratie der Bundesrepublik. Die Erklärung für den Dissens zwischen Adorno und Marcuse hinsichtlich der Rolle der Studentenbewegung liegt, so die zentrale These, in der politisch-theoretischen Gegenwartsanalyse, die bei beiden unterschiedlich ausfällt. Anhand von fünf ausgewählten Schwerpunkten, so u. a. das Demokratieverständnis und die Relation von Theorie und Praxis, wird deutlich, dass Adorno und Marcuse, trotz ähnlicher Ausgangspositionen, zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen gelangen und sich dementsprechend als Antipoden hinsichtlich der Bewertung der Studentenbewegung positionieren. Diese Differenzen gehen soweit, dass ihre Freundschaft selbst infrage gestellt wird. Während Adorno keine Auswegmöglichkeit aus dem „stählernen Gehäuse der Hörigkeit“ (Weber), welches die Moderne charakterisiert, erkennen und den Studenten dementsprechend blinden Aktionismus vorwerfen kann, erfasst Marcuse die Rebellion als Bruch und Gegentendenz zur verwalteten Welt. Die Monografie leidet jedoch an mangelnder Lesbarkeit, resultierend aus der geschlechterneutralen Sprache.
Patrick Stellbrink (PS)
M. A., Politikwissenschaftler, Promovend an der TU Chemnitz.
Rubrizierung: 5.25.425.462.222.3312.64 Empfohlene Zitierweise: Patrick Stellbrink, Rezension zu: Hanning Voigts: Entkorkte Flaschenpost. Berlin: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33278-entkorkte-flaschenpost_39797, veröffentlicht am 17.03.2011. Buch-Nr.: 39797 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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