/ 05.06.2013
Gerd Wiegel / Johannes Klotz (Hrsg.)
Geistige Brandstiftung? Die Walser-Bubis Debatte
Köln: PapyRossa Verlag 1999; 140 S.; brosch., 18,- DM; ISBN 3-89438-179-5Die Rede, die Martin Walser anläßlich der Preisverleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche hielt, läutete eine neue Runde der Debatte um die deutsche "Vergangenheitsbewältigung" ein: Indem Walser die beiden Fragen, welche Stellung dem Nationalsozialismus in der deutschen Geschichte, und welche Bedeutung dieser Episode im deutschen (Schuld-)Bewußtsein gebühre, neu zur Disposition stellte, forderte er eine Debatte heraus, in der Ignatz Bubis, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Walser "geistige Brandstiftung" vorwarf. Dieses Stigma aufgreifend, stellen Klotz und Wiegel Walser im Vorwort des Buchs in die Kontinuität einer relativistischen "geschichtspolitischen Strömung deutscher Vergangenheitsbewältigung und Identität, die im Historikerstreit 1986 ihren bis dahin größten Durchbruch erlebte" (8 f.). Analog dem im Ausgang des Historikerstreits von Habermas erhobenen Vorwurf, die konservativen Historiker hätten den westlichen Wertekonsens aufgekündigt, bezeichnet die Rede Walsers für die Autoren einen "Riß in der deutschen Erinnerungskultur" (8), mit dem Ziel, die deutsche Identität zu restituieren. Im ersten Abschnitt "Eine Rede und ihre Folgen" (17-64) analysiert Wiegel Struktur und Aufbau der Paulskirchenrede und gibt einen Überblick über Verlauf und Themen der folgenden Walser-Bubis-Kontroverse. Im zweiten Teil "Die poetische Nation" (65-117) stellt Kai Köhler die Friedenspreisrede in den Kontext des neueren literarischen Werks Walsers und stößt hierbei auf bemerkenswerte, bis in einzelne Formulierungen nachweisbare Parallelen im Verhältnis zur öffentlichen Erinnerung an die NS-Vergangenheit. Im dritten Teil "'Die Juden, das sind doch die anderen'" (118-140) fragt Lea Rosh nach den Auswirkungen der Walser-Debatte und des von Walser thematisierten traditionellen Wegschauens auf die Debatte um das Holocaust-Mahnmal in Berlin.
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.35 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Gerd Wiegel / Johannes Klotz (Hrsg.): Geistige Brandstiftung? Köln: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8620-geistige-brandstiftung_11350, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 11350
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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