/ 22.06.2013
Günther R. Mittler
Geschichte im Schatten der Mauer. Die bundesdeutsche Geschichtswissenschaft und die deutsche Frage 1961-1989
Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2012 (Sammlung Schöningh zur Geschichte und Gegenwart); 432 S.; 58,- €; ISBN 978-3-506-77214-5Diss. Heidelberg; Begutachtung: E. Wolfrum, M. Herren. – Anders als es der Anspruch einer wissenschaftlichen Durchdringung suggeriert, sind geschichtswissenschaftliche Publikationen oftmals normativ-wertend. Damit bewegen sich Forscher jenseits einer „nur“ deskriptiven Darstellung dessen, was gewesen ist, urteilen über die von ihnen geschilderten Sachverhalte und wirken so in der Öffentlichkeit meinungsbildend. „Die vorliegende Untersuchung unternimmt den Versuch zu zeigen, wie sich Historiker und die sich der Zeitgeschichtsschreibung widmenden Politikwissenschaftler mit der deutschen Frage in Forschung und Lehre, aber auch außerhalb des Wissenschaftsbetriebes in öffentlichen Stellungnahmen auseinandersetzten und welchen Geschichtsbildern sie Geltung verschaffen wollten.“ (11) Dieses ambitionierte Ziel verfolgt Mittler vor allem deshalb, weil er „das Wissen um die Notwendigkeit einer historischen Selbstverortung der deutschen Geschichtswissenschaft für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts“ (17) herausarbeiten will – und ihm gelingt es, dieses Ziel sowohl inhaltlich als auch sprachlich überzeugend zu verfolgen. Der Autor analysiert Stellungnahmen einzelner Historiker, die er der Presse, Vorträgen und unveröffentlichten Briefen entnimmt (vor allem zu wichtigen Ereignissen wie beispielsweise Mauerbau, DDR-Verfassung). Außerdem untersucht er historiografische Publikationen (Überblicksdarstellungen, Handbücher, Nachschlagewerke), Schulbücher, die Inhalte der an westdeutschen Universitäten gehaltenen Vorlesungen (mittels Vorlesungsverzeichnis) sowie die schwerpunktmäßige Vergabe von Drittmitteln zur Erforschung der deutschen Frage. Grundsätzlich bescheinigt Mittler der Geschichtswissenschaft einen stiefmütterlichen Umgang mit der Deutschlandfrage, viel zu lange habe man sich nur am Rande mit diesem Thema befasst. Selbst wenn man sich ihm widmete, fungierte die Geschichtswissenschaft als eine „Hilfswissenschaft der offiziellen Deutschlandpolitik der Bundesrepublik“, in der die Historiker „politisch-pädagogische Wegweiser“ (253) waren. Besonders in den ersten Jahren nach ihrem Bau ignorierten viele Geschichtswissenschaftler die Mauer und stellten Wiedervereinigungspostulate in das Zentrum ihrer Darstellungen. Nur sehr langsam wurde diese starre Haltung von neuen, divergierenden Denkmustern abgelöst, die eine innere Zerrissenheit der Geschichtswissenschaft in Bezug auf die Deutschlandfrage spiegelten. In den 80er-Jahren vollzog dann sowohl die Bundesrepublik als auch die Fachdisziplin eine konservative Wende, sodass gesamtdeutsche, nationale Deutungen die Geschichtsschreibung dominierten.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.313 | 2.315 | 2.35 | 5.2
Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Günther R. Mittler: Geschichte im Schatten der Mauer. Paderborn u. a.: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34178-geschichte-im-schatten-der-mauer_40996, veröffentlicht am 07.06.2012.
Buch-Nr.: 40996
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M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
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