/ 20.06.2013
Judith Butler
Haß spricht. Zur Politik des Performativen. Aus dem Englischen von Katharina Menke und Markus Krist
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2006 (edition suhrkamp 2414); 264 S.; 10,- €; ISBN 3-518-12414-5Butler greift in diesem Buch die US-amerikanische Debatte der „hate speech“ auf. Sie erörtert, wie und warum Sprache verletzend und diskriminierend wirken kann, und welche Strategien der Gegenwehr gegen sprachliche Verletzung es gibt. Unter Rückgriff auf John Austins Sprechakttheorie zeigt sie, wie „hate speech“ sich einerseits gesellschaftlicher, d.h. sprachlicher, Konventionen bedient und unterdrückerische Strukturen wirkungsvoll reproduziert. Ein Subjekt, das ja selbst von sprachlicher Anerkennung konstitutiv abhängig ist, trifft sprachliche Gewalt so existenziell, dass es dadurch „Kontext verliert“ (13) und sich nicht mehr zu verorten weiß. Andererseits kann der performative Akt des Sprechens in seiner Wirkung nie ganz vom Subjekt kontrolliert werden, er kann vielmehr auch misslingen. Denn das von Austin aufgedeckte Phänomen der verfehlten performativen Äußerungen, die wie schiefe Inszenierungen unbeabsichtigte Effekte und Bedeutungsverschiebungen zeitigen, trifft laut Butler auch auf „hate speech“ zu. So mächtig etwa eine rassistische oder sexistische Beleidigung auch scheinen mag, man sollte nicht dem „Trugbild der Souveränität“ (32) aufsitzen, das die Sprecher von „hate speech“ vermitteln. Diejenigen, die durch verletzende Wörter „auf [ihren] Platz verwiesen“ (13) werden sollen, sind damit auch nicht völlig ohnmächtig. Sie können in die unendliche „Kette von Resignifizierungen“ (30) eingreifen, indem sie abwertende Begriffe wie etwa „queer“ neu bewerten und provokant „zurücksenden“ (29). So kann sprachliche Diskriminierung subversiv unterlaufen werden. Der in der „hate speech“-Debatte aufkommenden Forderung, diskriminierendes Sprechen nicht als Akt der Redefreiheit, sondern als verletzende Handlung anzusehen und rechtlich zu reglementieren, steht Butler daher kritisch gegenüber. Denn eine Ausweitung staatlicher Eingriffsrechte in den politischen Diskurs kann die Gegenwehr sozialer Bewegungen schmerzhaft behindern und Subjekte in diskursive Festschreibungen zwingen.
Tine Hanrieder (CTH)
M. A., wiss. Assistentin, Geschwister-Scholl-Institut, LMU München.
Rubrizierung: 2.24 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Tine Hanrieder, Rezension zu: Judith Butler: Haß spricht. Frankfurt a. M.: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/24743-hass-spricht_28593, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 28593
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M. A., wiss. Assistentin, Geschwister-Scholl-Institut, LMU München.
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