/ 22.06.2013
Kurt Pätzold
Streitfall Geschichte
Berlin: edition ost 2011; 250 S.; 14,95 €; ISBN 978-3-360-01827-4Innerhalb der Transformationsforschung dient unter anderem das Konzept des Elitenwechsels als Erklärung für einen gelungenen Wechsel der politischen und wirtschaftlichen Ordnung. Die ehemaligen Eliten des Regimes werden ihrer Positionen enthoben und gegen unbelastete oder oppositionelle Personen ausgetauscht. Auch im Zuge der deutschen Wiedervereinigung sind an ostdeutschen Schulen und Universitäten die Regimeeliten zuhauf entlassen und ihre Posten mit westdeutschen Lehrern und Universitätsprofessoren besetzt worden. Als Geschichtsdozent und Faschismusforscher an der Humboldt-Universität sowie mit der Genehmigung ausgestattet, auf dienstliche Auslandsreisen gehen zu dürfen, gehörte Pätzold zur Elite der DDR. Er zählte deshalb zu jenen, „die mit dem ausgeklügelt unbestimmten Verdikt ‚staatsnah‘ versehen, – und das sollte assoziieren ‚dem Unrechtsstaat‘ nah –, nun als Erste ihre Arbeitsplätze verloren“ (8). Pätzold wehrt sich gegen die seiner Ansicht nach falsche Auffassung von der „Wissenschaftswüste“ (10) DDR, deren Entwicklung nach 1990 den Gedanken an eine Kolonialisierung aufkommen lasse. Daher versucht er mithilfe seiner Reisebereichte zu belegen, dass die sogenannten Reisekader nicht pauschal als systemkonform und innerhalb der Forschung nicht als ideologisch-unreflektiert angesehen werden dürfen. Um diesen Standpunkt zu stützen, beschreibt Pätzold Tagungsbegegnungen mit westdeutschen und ausländischen Kollegen sowie Forschungsrecherchen und -ergebnisse, die durch seine Auslandsaufenthalte möglich wurden. Seine autobiografischen Rückblicke beschließt Pätzold mit einem selbstkritischen, aber nicht DDR-kritischen Resümee: „So gewiss Marxisten das Bedürfnis nach Erfolg und Geltung nicht fehlt, Eitelkeit ihnen nicht fremd ist – ich nehme mich nicht aus – , so sicher suchte die Mehrheit der Unsrigen, erzogen wie wir waren, diesem Staat DDR, der lange als ‚Pankow‘, ‚Mitteldeutschland‘ und ‚Sowjetzone‘, dann als ‚Ostzone‘ herabgesetzt und verächtlich gemacht wurde, mit unseren Mitteln Ansehen und Gewicht zu verschaffen“ (238).
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.314 | 2.3 | 1.3
Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Kurt Pätzold: Streitfall Geschichte Berlin: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34358-streitfall-geschichte_41244, veröffentlicht am 01.12.2011.
Buch-Nr.: 41244
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M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
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