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/ 22.06.2013
Roland Cerny-Werner

Vatikanische Ostpolitik und die DDR

Göttingen: V&R unipress 2011; 384 S.; 53,90 €; ISBN 978-3-89971-875-1
Diss. Jena. – Der Vatikan hat eine Zwitterrolle inne: Einerseits ist er religiöses Oberhaupt aller Katholiken, andererseits hat er auch politische Macht, da er Völkerrechtssubjekt ist, das sich insbesondere zu religiösen, bildungs-, familien- und friedenspolitischen Fragen äußert. Damit verfügt der Vatikan über einen „weltweit einmaligen diplomatischen Corpus“ (16) und schuf speziell für den Umgang mit kommunistischen Ländern das Amt des Sondernuntius für östliche Staaten. Gerade der DDR kommt hier nochmals eine Sonderposition zu, denn mit ihr verhandelte der Sekretär für die öffentlichen Aufgaben der Kirche. Dieser hatte in Anbetracht der religionsfeindlichen Ideologie und der Unterdrückung katholischer Ortskirchen in der DDR keine leichte Aufgabe. Vor diesem Hintergrund rekonstruiert Cerny-Werner zunächst die Kommunikationsleistung des Vatikans mit der DDR, die einen Interessenausgleich zwischen zwei gegensätzlichen Weltanschauungen anstrebte, um sodann die Reaktionen auf diese Ereignisse zu betrachten und sie in gesamtdeutsche beziehungsweise europäische Entwicklungen einzuordnen. Dabei beschränkt sich der Autor auf die Amtszeit des Pontifikats Paul VI. (1963-1978) und berücksichtigt die Entwicklungen unter davor und danach amtierenden Päpsten nur in groben Zügen. Für seine Untersuchung nutzte er insgesamt 25 laufende Meter Material – vorrangig aus dem „Fondo Casaroli“ (Dokumente aus dem Zentrum vatikanischer Diplomatie, die noch nicht vollständig erschlossen sind), aber auch Gegenüberlieferungen der Ortskirchen sowie persönlicher Kontaktpartner und verschiedener staatlicher Stellen (u. a. Ministerien, kommunistische Geheimdienste), Zeitzeugeninterviews und Veröffentlichungen. Während seiner Untersuchung kann Cerny-Werner herausstellen, dass insbesondere Erzbischof Casaroli ein sehr offensiver Verhandlungspartner war, der in den Gesprächen die aus römischer Sicht und unter Einbeziehung der ortskirchlichen Belange beste Lösung suchte und so die Existenzgrundlage der jeweiligen Gliedkirche sicherte. Genau hierin bestand auch die Einzigartigkeit der Beziehungen zwischen Vatikan und DDR, die von Kardinal Bengsch strategisch ersonnen und geführt wurden: Rom kam seinem Gesprächspartner stets entgegen, stellte selbst keine Forderungen an den sozialistischen Staat und konnte so den Modus Vivendi sichern.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 4.222.612.314 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Roland Cerny-Werner: Vatikanische Ostpolitik und die DDR Göttingen: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34152-vatikanische-ostpolitik-und-die-ddr_40965, veröffentlicht am 19.01.2012. Buch-Nr.: 40965 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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