/ 22.06.2013
Götz Aly
Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass - 1800 bis 1933
Frankfurt a. M.: S. Fischer 2011; 352 S.; geb., 22,95 €; ISBN 978-3-10-000426-0„Ziel dieses Buches ist es, einige Sichtblenden wegzuschieben, die den Blick auf die Vorgeschichte derart verengen, dass der Nationalsozialismus zum Fremdkörper, zum im Grunde unbegreiflichen Fehltritt im Gang deutscher Geschichte wird.“ (9) Diese Sichtblenden bestehen, so zeigt sich bei der Lektüre, vor allem in der gefilterten Wahrnehmung wichtiger, die deutsche Kultur, Geschichte und Politik prägende Persönlichkeiten. Genannt werden, neben vielen anderen, Turnvater Friedrich Ludwig Jahn, der gegen die napoleonische Besetzung auftrat, der Volkswirtschaftler und Liberale Friedrich List sowie der Sozialdemokrat Franz Mehring. Aly beschreibt sie als integrale Figuren der deutschen Geschichte, die der Modernisierung Impulse gaben, aber eben auch Kinder ihrer Zeit waren und damit eingesponnen in den im 19. Jahrhundert allgegenwärtigen Antisemitismus. Diesen identifiziert Aly unter Berufung auf klarsichtige Zeitzeugen (etwa den Arzt und Politiker Rudolf Virchow oder den Soziologen Werner Sombart) als Ausdruck von Neid. So entsteht das Panorama einer Gesellschaft an der Schwelle der Moderne, die nur zögerlich begreift, dass die Bildung ihrer Kinder der Schlüssel für eine Zukunft im Wohlstand ist – zu prägend ist die althergebrachte, von Obrigkeit und Kirche geförderte Bildungsferne. Die Juden aber, die langsam ihren vielfältigen Diskriminierungen entgehen konnten, standen in einer langen, wiederum religiös bedingten Bildungstradition, die ihnen half, in den ihnen erlaubten Berufen zu reüssieren – zum Verdruss ihrer christlichen Nachbarn. Mit dieser stimmigen Analyse zeigt Aly, der durch die Einbeziehung von Biografien eigener Familienmitglieder zudem eine unmittelbare Nähe zum Geschehen herstellt, wie engmaschig der Antisemitismus in die deutsche Kultur eingewoben war. Und da die Deutschen wenig mit der Idee der universellen Menschenrechte anfangen konnten, fiel dann die Rassenlehre, die in Frankreich, England und den USA dazu diente, die Kolonialherrschaft und Unterdrückung der Schwarzen zu rechtfertigen, in einer spezifischen Variante auf fruchtbaren Boden: Erst richtete sie sich gegen behinderte Menschen, dann gegen Juden. Am Schlusspunkt dieser Verquickung von „Neid und Versagensangst, Missgunst und Habgier“ (300) und vermeintlich wissenschaftlich abgesicherter Abwertung einer Gruppe von Menschen stand der Holocaust. Aly schließt als Fazit nicht aus, dass sich ein der Struktur nach ähnliches Ereignis wiederholen könnte. „Wer solche Gefahren mindern will, sollte die komplexen menschlichen Voraussetzungen betrachten und nicht glauben, die Antisemiten von gestern seien gänzlich andere Menschen gewesen als wir Heutigen.“ (301)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.31 | 2.311 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Götz Aly: Warum die Deutschen? Warum die Juden? Frankfurt a. M.: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34248-warum-die-deutschen-warum-die-juden_41106, veröffentlicht am 29.09.2011.
Buch-Nr.: 41106
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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