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/ 22.06.2013
Günter Krause / Christa Luft / Klaus Steinitz (Hrsg.)

Wirtschaftstheorie in zwei Gesellschaftssystemen Deutschlands. Erfahrungen – Defizite – Herausforderungen

Berlin: Dietz 2012 (Rosa-Luxemburg-Stiftung: Texte 74); 203 S.; 14,90 €; ISBN 978-3-320-02279-2
Die Autoren setzen sich mit der Wirtschaftstheorie in der DDR und in der Bundesrepublik auseinander. Die Intention des Bandes kann dabei so aufgefasst werden, dass eine Bilanzierung der jeweiligen Wirtschaftstheorien vorgenommen wird und neue Impulse für diese Wissenschaft aufgezeigt werden sollen. Viele Artikel sind der Frage gewidmet, welche Bedeutung die ökonomische Forschung der DDR für die heutige Zeit noch haben kann. Hinsichtlich der Leistungen dieser Wirtschaftstheorie werden sowohl positive wie auch negative Aspekte hervorgehoben. Meist wird zudem ein Vergleich mit dem Zustand der ökonomischen Lehre in der Bundesrepublik angestellt, um auch deren Defizite aufzuzeigen. Für Rudolf Hickel ist die Analyse der Anatomien des Kapitalismus in der DDR-Forschung besonders wertvoll. Er schreibt, dass die Auflösung der ökonomischen Forschungsaktivitäten nach der Wende eine äquivalente Situation geschaffen habe, wie sie zuvor in der DDR geherrscht habe – mit der Wende sollte eine den Kapitalismus rechtfertigende Herrschaftswissenschaft durchgesetzt werden. In dieser autoritären Setzung erkennt Hickel einen Wissenschaftsimperialismus. Diese Sicht unterstützt auch Klaus Peter Kisker. Er zeichnet nach, wie sich eine neoliberale Theorie weltweit durchsetzen konnte. Diese Entwicklung bedeutet für ihn, dass die „Volkswirtschaftslehre immer stärker zur Rechtfertigungslehre von Kapitalinteressen verkam, ansonsten sich aber von der gesellschaftlichen Realität abkoppelt“ (114), was Kisker vor allem daran erkennt, dass sie sich für wirtschaftliche Krisen und deren Folgen nicht interessierte. Kurzum: „Die Methoden und Modelle, die in ihrer neoklassischen Forschung üblich sind, haben den Blick auf die Probleme, die zu der zweiten Weltwirtschaftskrise 2008 geführt haben, verstellt, wie vorher schon den Blick auf Hunger, Armut, Arbeitslosigkeit und Elend.“ (116) Die derzeitige, auf dem Neoliberalismus aufbauende Weltordnung verhindere, die Reichtümer human zu verteilen. Zudem konstatiert Kisker, dass alternatives Wirtschaftsdenken an deutschen Universitäten kaum noch vertreten werde und die politische Ökonomie so gut wie ausgestorben sei. Nach Christa Luft führt diese Vereinseitigung auf die neoklassische Theorie dazu, dass ein allseitig verfügbarer Mensch herangezogen werde statt eines kritisch denkenden Bürgers, sodass am Ende ein eigenständiges Urteilsvermögen fehle. Entsprechend plädieren sie und die anderen Autoren für einen Paradigmenwechsel in den Wirtschaftswissenschaften, die sich durch einen Theoriepluralismus, ein ganzheitliches Denken und eine Realitätsnähe auszeichnen sollte.
Jan Achim Richter (JAR)
Dipl.-Politologe, Doktorand, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.3142.3435.45 Empfohlene Zitierweise: Jan Achim Richter, Rezension zu: Günter Krause / Christa Luft / Klaus Steinitz (Hrsg.): Wirtschaftstheorie in zwei Gesellschaftssystemen Deutschlands. Berlin: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35109-wirtschaftstheorie-in-zwei-gesellschaftssystemen-deutschlands_42257, veröffentlicht am 02.08.2012. Buch-Nr.: 42257 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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