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/ 22.06.2013
Boris Buden

Zone des Übergangs. Vom Ende des Postkommunismus

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2009 (edition suhrkamp 2601); 213 S.; 12,- €; ISBN 978-3-518-12601-1
In welchem Zustand befindet sich die postkommunistische Gesellschaft? Gibt es überhaupt noch Gesellschaft? Der Philosoph Buden zweifelt daran und stellt auch den Postkommunismus infrage – seiner Ansicht nach ist es eine zynische Idee der Politikwissenschaft, die Zeit nach den Revolutionen 1989/90 als Übergangsphase zu definieren, in der die Menschen, die ihre Freiheit selber erkämpft haben, zuerst lernen müssen, diese richtig zu genießen. Warum sei niemandem die Frage eingefallen, schreibt er, „wer, wenn nicht die Zivilgesellschaften Osteuropas, das Ancien régime zum Sturz gebracht hat“ (42)? Buden kritisiert, dass – ähnlich wie es Kant hinsichtlich der Französischen Revolution festgestellt hat – die historische Bedeutung von 1989/90 „im Blick der Außenstehenden“ (17) entstand. Die passiven Beobachter im Westen hätten sich mit der unterstellten vorbehaltlosen Faszination der Osteuropäer von der westlichen Demokratie identifiziert und gemeint: „Ihr wollt das Bessere, doch das Bessere sind wir“ (44). Die Sieger seien damit zu Verlierern – zu politischen Kindern – gemacht und entmündigt worden. Mit der Definition der nachholenden Revolution (Habermas) sei ihnen „jede historische Originalität aberkannt“ (53) worden. Errichtet worden sei ein ideologischer „ground zero“ (49), auf dem jede Erinnerung daran fehle, was der Kommunismus dem Wesen nach gewesen sei: „das Konzept einer universalen Emanzipation“ (62). Und auf welchem Grund basiert heute Gesellschaft? Dieser sei (als politisches Phänomen) nur in seiner Abwesenheit präsent, schreibt Buden – und hält die soziale Frage weiterhin für konstitutiv. Die zerstörerischen Angriffe des Neoliberalismus auf die sozialen Strukturen gelten seiner Ansicht nach deshalb der Gesellschaft selbst. Buden warnt davor, ausweichend nun die Religion zum Grund zu machen. „Der befreite Gott will mehr zurück als das, was ihm die Kommunisten weggenommen haben“ (110), das Säkularisierungsprojekt der Aufklärung selbst sei in Gefahr. Der Postkommunismus, eingeordnet als Episode der großen postindustriellen Wende, sei, so kritisiert Buden, durch Gesellschaftsverlust und die Abwendung von der Zukunft charakterisiert – er fordert im Sinne Adornos eine Erziehung zu Widerstand und Widerspruch.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 5.422.22.23 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Boris Buden: Zone des Übergangs. Frankfurt a. M.: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31940-zone-des-uebergangs_38090, veröffentlicht am 23.03.2010. Buch-Nr.: 38090 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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