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/ 11.06.2013
Wolf Gruner

Zwangsarbeit und Verfolgung. Österreichische Juden im NS-Staat 1938-45

Innsbruck/Wien/München: Studien Verlag 2000 (Der Nationalsozialismus und seine Folgen 1); 356 S.; 31,44 €; ISBN 3-7065-1396-X
Der Zwangseinsatz von Juden außerhalb der Konzentrationslager wurde von der Geschichtswissenschaft lange vernachlässigt. In den Studien, die dieses Thema angingen, war der erzwungene Arbeitseinsatz jüdischer Österreicher nur ein zufälliges, kaum analysiertes Detail. Dabei sollen in der Zeit zwischen 1938 bis 1945 insgesamt 20000 österreichische Juden zwangsverpflichtet worden sein. Angeschoben durch die deutsche Zwangsarbeiter-Debatte wird dieses Grundelement der NS-Verfolgungspolitik ebenfalls für die österreichischen Juden untersucht. Sachkundig und umfangreich anhand vieler bisher unbekannter Dokumente und autobiographischer Zeugnisse erschließt Gruner die Voraussetzungen, die Planung und die Durchführung jüdischer Zwangsarbeit in Österreich. "Ein besonderes Augenmerk legt die Untersuchung auf die Lebensumstände der Betroffenen. Anhand der Schilderung der Verhältnisse in den Arbeitslagern wirft die Studie ein neues Licht auf die ausstehende Entschädigung der Zwangsarbeiter." (17) In den ersten Wochen nach dem "Anschluss" Österreichs brach eine enorme Terrorwelle über die jüdische Bevölkerung herein. Verantwortlich für die Verfolgung mit Hausdurchsuchungen, Enteignung von Vermögen und Stilllegung von Geschäften und Fabriken waren der Reichstatthalter Dr. Arthur Seyß-Inquart, der Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Reich, Joseph Bürckel, und der NSDAP-Gauleiter in Wien, Odilo Globocnik. "Die aus der radikalen Verfolgung resultierende Massenerwerbslosigkeit und massive Verarmung in der jüdischen Bevölkerung verhinderte im zunehmenden Maße deren geplante Vertreibung." (14) So verfiel im Herbst 1938 die österreichische Arbeitsverwaltung auf die Idee, jüdische Erwerbslose für Baumaßnahmen in getrennten Kolonnen einzusetzen. Reichskommissar Bürckel war derart begeistert, dass er die Forcierung des jüdischen Zwangseinsatzes für die beabsichtigte Modernisierung der österreichischen Wirtschaft plante. Dieses Verfahren wurde bald zum Vorbild für die Zwangsbeschäftigung im Deutschen Reich. Der so genannte "Geschlossene Arbeitseinsatz" (15) wurde durch die Arbeitsverwaltung bewerkstelligt und existierte unabhängig von den Konzentrationslagern beziehungsweise der durch die SS organisierten Zwangsbeschäftigung. In Fallstudien illustriert Gruner die Reibungslosigkeit des Zwangseinsatzes von österreichischen Juden selbst im Deutschen Reich: "Die hier ausführlich beschriebene Geschichte der Arbeitslager in Leer / Ostfriesland spiegelt das weitgehend reibungslose Zusammenspiel von Privatunternehmern, Arbeitsverwaltung, Landesregierung und Reichsministerium bei der Auswahl und Diskriminierung der Zwangsbeschäftigung wider." (292) Gruner weist deutlich nach, dass der "Geschlossene Arbeitseinsatz" in Österreich und in Deutschland gleichermaßen "auf die Separierung der nichtvertreibungsfähigen Juden in der NS-Gesellschaft gerichtet war" (303). Inhaltsübersicht: I. März-Oktober 1938: 1. Die Verfolgung der österreichischen Juden nach dem "Anschluß"; 2. Das Forcieren der Vertreibung im Sommer; 3. Erste Zwangseinsatz- und Lagerpläne; 4. Gewalt und Vertreibung vor dem Pogrom. II. November 1938-August 1939: 1. Nach dem Novemberpogrom; 2. Der Geschlossene Arbeitseinsatz; 3. Vertreibung und Separierung. III. September 1939-März 1940: 1. Der Krieg und die Verschärfung der Judenverfolgung; 2. Deportation nach Polen statt Vertreibung; 3. Die antijüdische Politik nach den ersten Deportationen. IV. April-Dezember 1940: 1. Der Zwangseinsatz und die Errichtung von Arbeitslagern; 2. Umsiedlungsplanung und Ausweitung des Zwangseinsatzes. V. Das Jahr 1941: 1. Neue Deportationen und der Zwangseinsatz; 2. Die Fortsetzung der Deportationen im Herbst. VI. Das Jahr 1942; VII. Der totale Einsatz von Juden in "Mischehen" und von "Mischlingen".
Wilhelm Johann Siemers (SIE)
Dipl.-Politologe, Journalist, Redakteur der Sprachlernzeitschrift vitamin de, Florenz.
Rubrizierung: 2.3122.4 Empfohlene Zitierweise: Wilhelm Johann Siemers, Rezension zu: Wolf Gruner: Zwangsarbeit und Verfolgung. Innsbruck/Wien/München: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/11033-zwangsarbeit-und-verfolgung_13046, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 13046 Rezension drucken
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