/ 12.06.2013
Christoph von Hehl
Adolf Süsterhenn (1905-1974) Verfassungsvater, Weltanschauungspolitiker, Föderalist
Düsseldorf: Droste Verlag 2012 (Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte 62); 679 S.; Ln., 49,- €; ISBN 978-3-7700-1913-7Phil. Diss. Bonn; Begutachtung: V. Kronenberg, J. Scholtyseck. – Adolf Süsterhenn ist wie viele Nachkriegspolitiker weitgehend vergessen. Zwar ist er als ein dezidiert katholischer Verfassungsvater der rheinland‑pfälzischen Landesverfassung und des Grundgesetzes dem historisch Interessierten noch namentlich geläufig. Über seine politische Biografie und weltanschauliche Vorstellungen ist aber trotz einiger Publikationen nur wenig bekannt – ein Desiderat, das von Hehl mit dieser auf umfangreiches Archivmaterial zurückgreifenden gesamtbiografischen Monografie beheben will. Chronologisch werden die Lebensstationen abgehandelt, ausgehend von seiner Mitgliedschaft in der Katholischen Deutschen Studentenverbindung, der Zeit als Anwalt im Nationalsozialismus, als Verfassungspolitiker in der Nachkriegszeit, als Verfassungsrichter und Professor sowie als Bundestagsmitglied, dem jedoch aufgrund seines kämpferischen Katholizismus der Sprung in die erste Reihe verwehrt blieb. Von Hehl ist besonders die Illustration Süsterhenns als Vertreter dessen, was man gemeinhin als Renaissance des Naturrechts versteht, gelungen – dieser überführte zentrale Elemente der christlichen Soziallehre in seine verfassungs‑ und kulturpolitischen Vorstellungen (Föderalismus, Einführung der Konfessionsschule und Abendlandidee) und verstand sich als Präsident des Verfassungsgerichtshofs als katholischer Hüter der rheinland‑pfälzischen Verfassung. Aufschlussreich ist die Nahaufnahme davon, wie die Prägekraft von Katholizismus, Naturrechtsdenken und Traditionalismus angesichts zunehmender gesellschaftlicher Liberalisierung und Modernisierung im Laufe der 1950er‑Jahre an Bedeutung verlor – zum Tiefpunkt wurde die von Süsterhenn initiierte antiliberale „Aktion Saubere Leinwand“, deren Scheitern maßgeblich seine politische Karriere beendete. Insgesamt gelingt es dem Autor überzeugend, nicht nur das berufliche und politische Beziehungsgeflecht um Süsterhenn, sondern auch die persönlichen Lebensumstände zu rekonstruieren – auch wenn er sich mitunter etwas zu sehr in privaten Details zu verlieren droht, was auf Kosten der forschungsleitenden Frage geht. Die verfassungstheoretischen Ideen Süsterhenns sowie dessen Positionierung innerhalb des heterogenen und dynamischen politischen Katholizismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hätten umfangreicher dargestellt werden können, weil so nicht nur sein Verhalten an den Systembrüchen deutscher Geschichte, sondern etwa auch seine – nicht ganz widerspruchsfreie – Konzeption von Menschen‑ und Bürgerrechten mehr Kontur gewonnen hätte.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.3 | 2.313 | 2.331 | 2.321 | 2.323 | 2.325
Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Christoph von Hehl: Adolf Süsterhenn (1905-1974) Düsseldorf: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14537-adolf-suesterhenn-1905-1974_43516, veröffentlicht am 02.05.2013.
Buch-Nr.: 43516
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
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