/ 05.06.2013
Georgios Tsakalidis
Das politische System Griechenlands nach 1974
Münster: Lit 1999 (Europa 2000; 17); 155 S.; brosch., 49,80 DM; ISBN 3-8258-4007-7Tsakalidis bietet eine kurze Einführung in die griechische Politik, Wirtschaft und Gesellschaft seit dem Ende des Obristenregimes. Die Arbeit ist betont deskriptiv und folgt in der Aufbereitung der vielen Fakten keiner erkennbaren komparativen Systematik, aber sie ermöglicht einen recht umfassenden Überblick und gibt zusätzlich immer wieder auch allgemeine Handlungsanweisungen des Autors zur Verbesserung der Lage des Landes. Wiederholt weist Tsakalidis darauf hin, daß – etwas weniger bei der extremen Linken - nicht Ideologien, Parteiorganisationen oder gar Programme, sondern einzelne charismatische Führer Dreh- und Angelpunkt griechischer Politik sind. Dies ist in dieser Intensität sicher ein einmaliges Charakteristikum griechischer politischer Kultur in Europa, auch wenn Tsakalidis am Ende der 90er Jahre eine zunehmende "Entmythologisierung" (79) konstatiert, die er - ohne dafür Belege anzubieten - primär auf den seiner Ansicht nach unheilvollen Einfluß privater Medien zurückführt.
Obwohl der Autor seiner patriotischen Genugtuung über die demokratische Stabilisierung des Landes bei jeder sich bietenden Gelegenheit Ausdruck verleiht, spricht er auch Probleme wie z. B. den traditionellen Nepotismus und Klientelismus ("Rusfeti"), Wahlrechtsmanipulationen zugunsten der beiden dominierenden Parteien PASOK und ND, die aufgeblähte Bürokratie und die lähmende Ausbreitung des Staats in der Wirtschaft oder den 30 %-Anteil der Schattenwirtschaft am BIP sehr deutlich an.
Wenig überzeugend sind die wiederholten Hinweise auf Manipulationen durch "ausländische Mächte" (85) – nach 1945 insbesondere durch die U. S. A. -, die Tsakalidis neben dem Königshaus für die späte Demokratisierung verantwortlich macht. Mit seinen einseitigen und polemischen Schilderungen der FYROM- und der Zypern-Problematik empfiehlt sich der Autor eher als glühender Patriot denn als ernstzunehmender Wissenschaftler. Massiver Tadel gebührt dem Lektorat, das diverse auf die relative Unbeholfenheit des fremdsprachigen Autors im Schriftdeutschen zurückzuführende Stilblüten, irritierende Tempuswechsel sowie mehrere Dutzend gravierende grammatikalische und einige hundert (!) Interpunktionsfehler nicht beseitigt hat.
Inhaltsübersicht: I. Die Geburt der Dritten Republik Griechenlands; II. Die aktuellen politischen Parteien; III. Analyse der Wahlergebnisse von 1974 bis 1996; IV. Die gesellschaftspolitischen Konstellationen; V. Endogene und exogene Faktoren des politischen Systems Griechenlands; VI. Politische Persönlichkeiten als Garanten eines demokratischen Systems; VII. Zur sozioökonomischen Situation der Dritten griechischen Republik; VIII. Das griechische administrative System; IX. Die griechische Außenpolitik nach 1974; X. Griechenland nach Maastricht und vor der europäischen WWU.
Andreas Beckmann (AB)
M. A., Doktorand, Institut für Sozialwissenschaften, Bereich Politikwissenschaft, Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.61
Empfohlene Zitierweise: Andreas Beckmann, Rezension zu: Georgios Tsakalidis: Das politische System Griechenlands nach 1974 Münster: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7818-das-politische-system-griechenlands-nach-1974_10368, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 10368
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M. A., Doktorand, Institut für Sozialwissenschaften, Bereich Politikwissenschaft, Universität Kiel.
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