/ 04.07.2013
Willy Brandt / Günter Grass
Der Briefwechsel. Hrsg. von Martin Kölbel
Göttingen: Steidl 2013; 1.230 S.; 49,80 €; ISBN 978-3-86930-610-0Die Konzeption des Bandes ist lobenswert: Auf das Inhaltsverzeichnis folgt keine langatmige editorische Notiz, sondern gleich der erste Brief. Günter Grass schrieb ihn im März 1964 noch nicht direkt an Willy Brandt, sondern an dessen Büro. Damit begann eine drei Jahrzehnte währende politische Annäherung und Entfernung, nachzulesen in weiteren 287 Briefen, Grußkarten und Telegrammen. Auf drei Grass‑Briefe folgte durchschnittlich ein Brandt‑Brief, wie Herausgeber Martin Kölbel vorrechnet. Geschuldet war dies den jeweiligen Rollen und Umständen – Grass agierte als politisierender Schriftsteller, Brandt als Politiker, der eher wenig Zeit für das Verfassen von Briefen erübrigen konnte und an Mitarbeiter delegierte. Schon bald (Dokument 13) schlägt Grass dem damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin und SPD‑Kanzlerkandidaten vor, zusammen mit Egon Bahr „ein Team (4‑5 Mann) zu begründen, das es sich zur Aufgabe macht, Textvorschläge zu formulieren und den Aufbau Ihrer Reden zu verstärken“ (98). Aus der weiteren Korrespondenz geht hervor, dass Brandt tatsächlich zwar gerne Vorschläge für Reden (nicht nur von Grass) einsammelte, der Schriftsteller aber keineswegs zu seinem politischen Spiritus Rector wurde – obwohl der weiterhin partei‑ und ämterlose Grass als Hauptfigur der Sozialdemokratischen Wählerinitiative eine öffentliche Rolle als „Espede“‑Wahlkämpfer spielte und die intensivste Zeit des Austausches auf die Jahre von 1968 bis 1973 fiel. Aber Versuche wie die vom Oktober 1969 (Dokument 81), sich dem neu gewählten Bundeskanzler als offiziell bestellter Friedensemissär aufzudrängen, blieben letztlich erfolglos. Der Aufbau des Bandes legt der Leserin und dem Leser nahe, sich zunächst ein eigenes Bild von dieser Korrespondenz zu mache. Den Briefen dann angefügt sind Zusatzdokumente (zum Teil mit Textentwürfen) sowie eine hilfreiche Zeittafel und ein Personen‑ wie Literaturregister. Martin Kölbel ordnet außerdem in einem längerem Essay die „Briefe als Instrument politischer Machtbeteiligung“ (1.059 ff.) ein und leuchtet damit auch den zeitgeschichtlichen Kontext aus. Interessant ist die Lektüre dieses Briefwechsels weniger wegen der beiden Personen Brandt und Grass an sich, sondern weil sich in deren schriftlichen Austausch der Wandel der politischen Kultur der noch jungen Bundesrepublik spiegelt. Dass dieser Wandel keineswegs auf einen Konsens – nicht einmal unter Sozialdemokraten und Gleichgesinnten – hinauslief, zeigte sich schließlich 1989: Der Schriftsteller diagnostizierte angesichts des Mauerfalls nur „deutsch‑deutsche[.] Probleme“ (795), Brandt blickte trotz der von Grass kritisierten „‚Gang‑ und Machart der deutschen Einheit‘“ (805) optimistisch in die Zukunft. Der Dissens war offenbar so tief, dass aus den letzten Briefen zwar Respekt, aber keine (politische) Freundschaft mehr herauszulesen ist.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3 | 2.313 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Willy Brandt / Günter Grass: Der Briefwechsel. Göttingen: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35924-der-briefwechsel_44043, veröffentlicht am 04.07.2013.
Buch-Nr.: 44043
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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